Yippie-jay-ay … als Geisterschreiberling in den Wolken der Verwirrung

Beruflich ist es derzeit ruhig – wundert wenig, wenn man bedenkt, dass eine große Menge meiner Arbeit irgendwie mit dem Thema „Tourismus“ verbunden ist. Und wo wenig Tourismus ist, da wird auch wenig darüber geschrieben. Oder, anders gesagt, Geschriebenes wird nicht unbedingt auch zeitnah in den Druck gegeben, weil eben noch brauchbare Altbestände auf Lager liegen. So kann man sich einerseits den Hobbies widmen, andererseits im Archiv (in meinem Fall vor allem dem Blaulicht-Archiv) aufräumen. Oder mal ganz etwas anderes tun …

Ganz anders? Naja, nun dann doch wieder nicht … denn statt als Schreiberling bin ich derzeit ein wenig als Geisterschreiberling tätig, gewissermaßen „Ghost Writer in the Cloud“. Ist eine Art Liebesdienst oder Gefälligkeit, denn da schreibt jemand an seinen Erinnerungen, und braucht Unterstützung. Macht man ja gern. Oder?

Ja, mache ich gern, und es ist auch interessant. Aber auch eine Premiere für mich, denn bislang habe ich zu vielleicht 95% eigene Texte erarbeitet, und bei 5% meiner Arbeit vorhandene Texte überarbeitet.

Letzteres meistens bei der LVA Württemberg, als ich dort in der „Pressestelle“ sass und unter anderem die schriftlichen Ergüsse mancher Grosskopfeter in eine druckreife Form bringen musste. Meistens eine relativ einfache Sache, denn das Fachwissen musste nur durch den letzten Schliff ergänzt werden. Manchmal aber auch ein Fest der Sinne. Etwa in jenem unvergessenen Moment, als eine hochdotierte Ärztin einen längeren Artikel vorlegte … und mir Thema wie auch manche Formulierung bekannt vorkamen. Nach zwei Tagen gab ich via Chef die Rückmeldung, dass der Artikel wohl noch in Hinblick auf Zitatkennzeichnung genauer von ihr abgeackert werden müsse, da hapere es noch ein wenig. Grosses Aufplüstern, empörte Nachfrage … und ich legte ihr eine Kopie ihres Artikels vor, in dem die direkten, aber nicht kenntlich gemachten Zitate aus anderen Artikeln (anderer Autoren) farbig anmarkiert waren. Ich nutzte Marker in Gelb, Blau, Rot und Grün. Und im „Artikel“ der Frau Doktor waren bis auf wenige Füllwörter, eine kurze Einleitung und ihre biographischen Angaben alle, aber wirklich alle Sätze direkt aus vier anderen Publikationen übernommen worden.

Muss ich betonen, dass die Zusammenarbeit mit der Dame künftig auf einem recht frostigen Niveau ablief? Aber immerhin … sie hat uns nichts mehr zur Veröffentlichung eingereicht, was schon erleichterte.

Doch genug der Schwänke aus der Jugend, zurück zum derzeitigen Thema: Da schreibt ein Mensch seine Memoiren, und ich mache sozusagen die „redaktionelle Betreuung“. Was bedeutet, aus einem merkwürdig formatierten Text, der teilweise in einer Art „Stream of Consciousness“ verfasst wurde, ein lesbares Ergebnis zu machen. Keine große Literatur, eben mehr oder minder fragmentarische Erinnerungen für einen kleinen Leserkreis. Was ja an sich kein Thema ist … die wildesten Grammatikwirren lichtet der Computer weitgehend selber, mit Ausschneiden und Einsetzen kann man auch die chronologische Abfolge recht einfach wieder herstellen, und Google wie Wikipedia helfen bei Fragen meist schnell. Buchsatz, Bildredaktion, Überschriftengestaltung, alles kein Neuland, also sollte es eigentlich ja flott voran gehen.

Bis eben auf die gelegentliche Frage: „Was will uns der Autor eigentlich sagen?“

Und da beginnt für mich der Schritt auf dünnes Eis, denn manchmal kann man wirklich nicht in den Kopf anderer Leute hineinschauen. Schreibe ich selber, weiß ich ja in der Regel, was ich meine. Schreibt aber jemand anderes, dann kommt man schon mal ins Grübeln. Die Formulierung, die so negativ konnotiert ist, meint er sie wirklich negativ, oder ist es mehr schludrig dahin geschrieben? Andererseits die positiv klingende Beschreibung „altehrwürdig“, ist sie wirklich für ein lange von den Nazis genutztes Gemäuer vertretbar, vor allem im Kontext? Und was genau meint er denn nun mit dem in Anführungsstrichen stehenden Begriff? Also gehen die Fragen zum Manuskript hin und her … auch teilweise mit dem Hinweis, dass manche Passagen durchaus juristisch problematisch sein könnten. Das ist dann natürlich extrem brisant.

Kleine Nebentätigkeit? Von wegen … doch ein Batzen Arbeit. Aber: Mal wieder ein komplettes Buch zu machen, macht auch Spaß, zuletzt habe ich das in den 1990ern getan, und mittlerweile doch noch einiges dazugelernt. Dazulernen kann ich aber auch auf andere Weise. Denn wenn ich fremde Formulierungen kritisiere und glätte, dann kommen manche eigenen Formulierungen fast automatisch mit auf den Prüfstand.

So wird der Gefallen dann zu einer Win-Win-Situation.