Wer braucht den Vaterlands-Klüngel wirklich

Manchmal frage ich mich, warum viele Deutsche heiß bekennen, Deutschland gar nichts mehr abgewinnen zu können – und fast im selben Atemzug nach Landsleuten suchen, die es auch nach Irland verschlagen hat. Patria Germania in Hibernia Sancta. Oder so. Das Bedürfnis nach einem vaterländischen Sicherheitsnetz scheint anzuhalten.

Koexistenz … geborener Deutscher und geborener Ire.

Seit vielen Jahren kommen wir allerdings am Ende der Welt auch ohne Klüngel durch … die Frage, ob nicht jemand einen deutschen Handwerker oder Dienstleister kenne, sie hat sich eigentlich noch nie wirklich gestellt. Weswegen ich die Einladung in eine diesbezügliche Gruppe auf Facebook auch schnell löschte, nix für ungut. Anders gesagt: Meine deutsche Ärztin war zwar Klasse, aber eben nur einige Jahre in der Praxis, in der ich „gemeldet“ bin. Und der dort jetzt residierende Arzt aus Sri Lanka hat zwar einen wesentlich besseren Teint, ist aber fachlich auch nicht schlechter, denke ich. Da man in Irland ohnehin sehr schnell ins Krankenhaus oder zum Spezialisten überwiesen wird, sind die GPs bei ernsteren Sachen ohnehin eher Zwischenstation. Der „deutsche Zahnarzt“ in der großen Stadt hat mich auch nicht magnetisch angezogen (… obwohl, welcher Zahnarzt tut das schon?), mit meiner polnischen Praxis bin ich rundum zufrieden.

Wozu, frage ich mich daher immer wieder, braucht man nun wirklich einen Gasinstallateur aus Germanien, einen teutonischen Trockenbauspezialisten, einen Dachdecker aus Deutschland? Sind die wirklich besser ausgebildet? Oder ist es mehr das Gefühl, „der spricht meine Sprache und versteht, was ich will“? Und vor allem brennt mir immer eine Frage unter den Nägeln: Ist Deutschtum irgendeine Qualifikation … oder wäre es nicht besser, in der Nachbarschaft Empfehlungen einzuholen?

Während ich dies etwa schreibe, morden einige örtliche Spezialisten die grässliche, ausgewucherte Thuja-Hecke neben dem Haus. Mehr Licht! Nachdem ich lange rumgedruckst hatte, testweise selbst mal die Kettensäge schwang, fragte ich endlich nach einem ordentlichen Fachmann. Bekam vom Nachbarn einen im übernächsten Ort empfohlen, der bei ihm Bäume kappte und auch für die ESB die Leitungen freihält. Dazu einen beachtlichen Fuhr- und Maschinenpark besitzt. Ist Qualität teuer? Naja, der Kostenvoranschlag fiel mit etwa der Hälfte von unserem veranschlagten Budget ganz gut aus. Nur Deutsch sprach er nicht. War aber zum Heckenschneiden auch nicht notwendig. So hoch, ab, alles. War ratzfatz erledigt, günstig, und das Anwesen wurde besenrein verlassen. Bis auf das entstandene Feuerholz, dass nun trocknen darf und dann die Heizkostenrechnung schont. Auch schön.

Überhaupt, was brauchte ich hier in den Jahren schon für Fachleute im Haus … Installateur, Elektriker, Zimmermann fallen mir ein. Kamen alle aus der näheren Umgebung, wurden mir von Nachbarn oder vertrauenswürdigen Personen im Dorf ans Herz gelegt, und machten alle ihre Jobs schnell, sauber, zu einem fairen Preis. Wäre da zufällig ein Deutscher drunter gewesen, fair enough, ich habe mich auch nicht gegen die deutschstämmige Physiotherapeutin gewehrt. Aber gehe ich auf die Suche nach Deutschen? Ach was … Tatsache ist, dass hier im Umkreis zwar einige Deutsche wohnen, ich ein paar auch zumindest vom Angesicht her kenne, sowohl Herself wie auch ich selber aber keinen großen Drang haben, hier einen Stammtisch vom Zaun zu brechen.

Womit ich dann per freier Assoziation bei den Stammtischpolitikern in der Alten Heimat lande, die mittlerweile zu oft, all zu oft wieder einen deutschlich völkischen Ton anschlagen. Ist das Verlangen nach einem deutschen Handwerker oder Dienstleister vielleicht auch so eine unterschwellige Tendenz zum Nationalismus? Dass man sich als Auslandsdeutscher doch gegenseitig unterstützen müsse, dass man zwar voll integriert sei, aber dennoch den Landsmann irgendwelchen vaterlandslosen Gesellen gleich welcher Herkunft vorziehen will? Ich frage das, ohne irgendeinen Leser in irgendeine Ecke stellen zu wollen … aber wenn ich die Frage nach einem „guten Gasinstallateur“ noch verstehe, so geht mir bei der Frage nach einem „deutschen Gasinstallateur“ das wirkliche Verständnis ab. Zugegeben, Gas ist ja so eine deutsche Spezialität, aber die Muttersprache und der Pass machen es doch nicht aus, wie gut, sicher und/oder preiswert eine Leitung verlegt wird. Warum also jemanden bevorzugen, nur weil er Deutscher ist? Entweder weil das eigene Englisch wirklich miserabel ist und man nur auf Deutsch jemandem klarmachen kann, was man will … oder weil man sich eben doch klammheimlich besser fühlt, wenn ein Volksgenosse den Auftrag bekommt, die Arbeit macht, und das Geld kassiert.

Manche Leute scheinen ja sogar Irland-weit auf die Suche nach bedürftigen und/oder benötigten Fachleuten (mit der Kernkompetenz „Deutsch“) zu gehen. Einen Handwerker weit anreisen lassen, nur weil er in Husum oder Hoyerswerda oder Hotzenplotzhausen geboren wurde? Ganz ehrlich: Was nützt mir ein irgendwo in Westirland lebender Heizungsinstallateur aus Heidelberg, wenn am Samstagmorgen die Kälte durch das Haus kriecht? Da ist mit dann Seamus aus dem Nachbarort lieber, der kommt auch kurzfristig schnell mal rüber, und entschuldigt sich noch für fünfzig Euro Anfahrtpauschale.

Soll er haben, auch as Gaeilge, wenn nur am Samstagabend die Heizung wieder einigermaßen läuft.