War die Post endlich da?

Es ist gerade einmal wieder Krisenstimmung – nicht wegen Trumps Wahnideen, nicht wegen Covid-19, nicht wegen Klimawandel. Nein, ein viel grösseres Problem beschäftigt die Menschheit (zumindest in den Konsumländern der „Ersten Welt“). Die Pest mit der Post. Abwarten und Tee trinken? Ne, auf zu Facebook und laut meckern!

Ich bin die Vespa von der Post!
Post-Vespa in Bologna …

Da steht sie dann, die Vespa der Christel von der Post, am Wegesrand einer norditalienischen Metropole … und ich garantiere, aus Hunderten von Fenstern gieren die Kunden, ob das Amazon-Päckchen im Lastenträger denn nun endlich ihres sei. Schließlich warte man jetzt schon seit Vorgestern auf irgendwas, das man gar nicht zu einem bestimmten Termin benötigt. Das man aber haben will. Ob man es braucht oder nicht. Und zwar jetzt, sofort, postwendend sozusagen.

Haben wir alle eine kollektive Macke?

Im Interesse der Ehrlichkeit gebe ich gerne zu, Amazon-Prime-Kunde zu sein. Also einer jener Menschen, die einen Jahresbeitrag für das Privileg einer umgehenden, „kostenlosen“ Lieferung zahlen. Oder … ne, eher nicht. Denn Amazon Prime wurde bei uns zum Ersatz der Fernsehgebühr, das Angebot an Filmen und Serien war der Grund für das Abo. Kostenlose Ebooks, gelegentliche Zeitschriftenlektüre und dann das Nichtnachdenken über einen Mindestbestellwert zum Erreichen „kostenloser“ Lieferung sind nette Extras. Wobei „Next Day Delivery“ in Irland ohnehin nicht gegeben ist. Und es seit März ohnehin illusorisch wurde, auch nur binnen 48 Stunden sein Zeuchs zu bekommen. Weil, schon gehört, Pandemie?

Aber Corona hin und Covid her – wenn der Dildo oder die Glühbirne nicht binnen Tagesfrist angeliefert werden, dann ist das eine Katastrophe. Gut, man könnte sich ja auch mit Kerzen behelfen, aber das muss doch nicht sein. Schließlich hat man ja bezahlt! Besonders grotesk wird es, wenn Leute auch noch eine Lieferung aus China in Wochenfrist erwarten. Herself könnte lange Klagelieder über die Logistik im internationalen Warenverkehr singen, aber das wollen Lieschen Müller in Buxtehude oder Padraig O’Reilly in Ballygobackwards nun wirklich nicht hören. Und wenn sie es hören, dann begreifen sie es oft schlicht nicht. „Aber das muss doch!“

Und vor allem muss alles in der Lieferkette blitzschnell gehen – bis hin zum ungewaschenen Kurierfahrer, der seit drei Tagen in seinem Transit pennt und für einen Stundenlohn unterhalb des Eurosaver-Menus im McD auch das letzte Päckchen noch vor der Tagesschau ausliefern soll. Während man gleichzeitig Unzufriedenheit mit dem Prekariat dieser Leute heuchelt, für sie als eingetragener Gutmensch bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne fordert … aber selber eine Portopauschale von 4,99 € bei einem Paket von 14,8 kg für eine Schweinerei und einen Beschiss hält.

Aber, gebe ich ja zu, ich komme aus einer anderen Generation und werde alt … meine Eltern etwa waren noch die Wirtschaftswunder-beflügelten Stammkunden bei Neckermann, Otto und Quelle. Da wurde zweimal im Jahr ein fetter Katalog angefordert (selbst Argos hat diese Türstopper jetzt abgeschafft), dann ausgewählt, dann per Post bestellt, und (im Regelfall) zwei Wochen später kam die gewünschte Ware ins Haus. Auch nicht immer fehlerfrei: Vaddern hatte in den 1970ern mal eine einfache Bohrmaschine bestellt, geliefert (aber sehr zu seiner Pfennigfuchserfreude nicht abgerechnet) wurde das wesentlich teurere Zweigang-Schlagbohr-Gerät. Das übrigens, kleiner Nachhaltigkeitsexkurs, noch heute in unserer Werkstatt gute Dienste leistet. Mehr als vierzig Jahre teils intensiver Einsatz für den Fortschritt …

Und international? Ich erinnere mich noch genau: Irgendwann um 1975 entdeckte ich am Bahnhofskiosk in Elmshorn (Ausflug mit Oma), später dann auch in Itzehoe, die Zeitschrift „Battle“. Wargaming, ich war fasziniert. Und obwohl ich ganze Horden von Airfix-Figuren hatte, was ich da so sah, das war doch wesentlich faszinierender. Allein die Fantasy-Schiene, und dann die um 1978 erscheinende Serie zum Tal der vier Winde (besonders die pseudo-mittelalterlichen „Guten Leute“ hatten es mir angetan). Musste ich haben. Und das hieß: Brief an den Hersteller, mit dem Wunsch, die und die Figuren zu erwerben. Darauf kam eine Pro-Forma-Rechnung mit der Bitte um Vorauszahlung, Figurenpreis plus ein Porto- und Verpackungsanteil von 30% des Bestellwertes. Bis ich dieses Schreiben in meinen klammen Fingern hielt, waren schon zwei Wochen oder so vergangen. Also auf der Bank ein paar Pfundscheine besorgt, diese sorgfältig eingetütet, und dann wieder ab die Post. Rund sechs Wochen nach dem ersten Gang zum Postkasten hielt ich dann ein Päckchen in der Hand. Und war rundum zufrieden (auch wenn ich heute die Figuren eher als „recht einfach“ bezeichnen würde).

Heute geht das alles schneller … ist ja auch nett. Aber: Ich habe Geduld gelernt, und hocke nicht wie auf heißen Kohlen, wenn eine Bestellung mal etwas länger dauert.

Wie kürzlich ein kleines Päckchen aus Singapur, das knapp drei Monate auf Tour war. Und das noch vier Tage vor der maximalen Lieferzeit eintrudelte, obwohl sich das Tracking schon lange in den Limbus verabschiedet hatte. Was am Ende zählte, war schlicht das Faktum, dass ich zwölf mir bis dahin vollkommen unbekannte, sonst nie gesehene und vor allem mit unter fünf Euro auch noch günstige Minifiguren in meinen Händen hielt.

Gut Ding will Weile haben.

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