Trotz etwas Frust … ein Lob an Germania in Hibernia!

Da leben wir nun, ach, mehr als zwanzig Jahr im irischen Lande, und ein regelmäßiger, ritueller Gang ist der zur Botschaft in Booterstown. Am südlichen Rand Dublins findet sich in relativ verträumter Lage die diplomatische Vertretung der Bundesrepublik. Und die eben muss der Exilgermane nun einmal hin und wieder besuchen. Nämlich mindestens alle zehn Jahre zum Erwerb eines neuen Reisepasses. Und das war in Covid-19-Zeiten gar nicht so einfach.

Langsam pressierte es zudem, denn mein Pass lief am 3. Juli aus. Und da dies mein einziges echtes Identitätsdokument ist, wäre zukünftiges Reisen, so es denn wieder geht, problematisch gewesen. Mit der irischen Sozialversicherungskarte, dem irischen Führerschein und dem irischen Presseausweis kann ich mich zwar identifizieren, zum Grenzübertritt reicht es aber nur nach Großbritannien, Stichwort Common Travel Area. Also musste ich in Germanias schützenden Schoss klettern, zumal man auch zum normalen Leben in Hibernia immer wieder mal ein deutsches Ausweisdokument braucht.

Nur … so ganz problemlos gestaltete sich dies nicht. Denn man kann heutzutage nicht einfach in der Botschaft eintrudeln und quasi als Laufkundschaft einen Ausweis beantragen. Was vor einigen Jahren noch ging, und oft genug mit nervigen Wartezeiten zwischen Visabewerbern endete. Wobei ich jetzt gar nicht diesen unterschwelligen Rassismus gepaart mit klammheimlichem Herrenmenschendenken pflegen will, nach dessen „Logik“ die deutsche Botschaft zunächst und vordringlich den deutschen Staatsbürger zu bedienen habe, sich alle anderen hinten anstellen mögen. Keineswegs. Nervig ist nur, dass viele der von Nichtdeutschen vorgebrachten Anliegen enorm Zeit verschlingen. Wegen viel bürokratischem Aufwand, auch wegen Sprachproblemen, und gelegentlich tatsächlich begründet durch die Kollision von deutschen Vorschriften und einem absoluten Unverständnis dafür beim Antragsteller.

Das Passwesen wurde schon vor Jahren auf Terminsystem umgestellt. Eigentlich gut. Doch ist mit einer Verknappung der Termine durch die Pandemie kaum noch ein solcher zu bekommen. Das Vergabesystem läuft zudem zentral über das Auswärtige Amt – ob in Kabul, in Peking, in Caracas, in Johannesburg, oder eben in Dublin, den Termin vergibt Berlin. Und seit Monaten lauerte ich auf einen, nur um immer wieder festzustellen, dass es keinen gab, und die auch für „bald“ versprochenen neuen Termine nie aufzutauchen schienen. Schließlich wandte ich mich direkt an die Botschaft, die mit zwar auch nicht wirklich weiterhelfen konnte, aber auf „immer mal wieder kurzfristig freiwerdende, weil abgesagte Termine“ verwies. Neue Taktik, quasi mit geschnürtem Bündel auf Abruf bereitstehen, und jeden Morgen als erstes ein Blick in das Terminsystem. Und siehe, tatsächlich fanden sich vor etwa zehn Uhr immer mal wieder einzelne Zeitfenster. Selten. Und meist für eine Anreise aus Cavan wegen Uhrzeit besch…eiden. Bis es dann doch klappte, sogar mit rund zwei Wochen Vorlaufzeit, hurra!

Die nächste Hürde dann, die Passbilder. Früher konnte die ja noch jeder mittelmäßig begabte Drogist herstellen, aber mit den biometrischen Ausweisen ist das doch etwas komplizierter. De facto so kompliziert, dass man sich dafür in professionelle Hände begeben sollte. Bislang hatten wir mit dem Fuji-Fotoladen in Blackrock immer gute Erfahrungen, aber der Weg war mir zu weit, zu nervig. Also einen neuen Anbieter genommen, Conns Cameras neben der Grafton Street, die sich extra als Passbildspezialisten anbieten und sogar das Zauberwort „biometric“ in Kombination mit „Germany“ auf der Webseite haben. Kurzer Anruf, kein Problem, und eine Fahrt nach Dublin geplant, mit Schlenker zu Ikea und Treffen mit einem irischen Freund, es soll sich ja lohnen. Im Laden selber war ich gerade mal fünf Minuten, und ich staunte, wie ein eigenes Passbildprogramm mit dem Parameter „Germany“ ein gut aussehendes Bild (mit meiner üblich miesepetrigen Waldteufelphysiognomie, Lächeln ist ja nicht drin) zauberte. Zehn Euro für vier Bilder, Standardpreis. Und, Spoiler, der Botschaft auch genehm.

Dann der Tag der Tage, Anfahrt ohne Probleme, Parkplatz auch schnell gefunden … was mit daran liegen mag, dass in Gegensatz zu unserem letzten Besuch vor etwa sechs Jahren in der Umgebung der Botschaft jetzt Parkgebühren fällig werden, mit € 1,30 pro Stunde noch relativ günstig. Aber eben Dauerparker verschreckend.

Der Zugang zur Botschaft, Zeichen der Zeit, ist nicht unproblematisch, ich war wohlweislich schon mit leichtem Gepäck marschiert, nur das Notwendigste dabei. Ein jovialer Tür- und Torwächter hakt den Namen auf der Liste ab, misst dann kurz und schmerzlos die Körpertemperatur (in der Bestätigungsmail zum Termin wurde ja angekündigt, dass man ab 37,3 Celsius nicht reinkommt … Komma Drei?), und verweist danach auf die vier „wunderschön gestalteten Schließfächer“ (Zitat!), eine Reihe von Plastekästen auf der Mauer hinter seinem kleinen Kabuff. Mein Handy kam sich darin recht verlassen vor. Einen Rucksack bekäme man auch rein. Immerhin schmerzloser als mein letzter Besuch in einem deutschen Gerichtsgebäude, in Hanau, wo man sich quasi bis auf die Unterhose ausziehen musste …

Ein kurzer Moment des Innehaltens, der Andacht, ob der architektonischen Perle vor mir. Die deutsche Vertretung ist nicht, wie viele andere im Dubliner Diplomatenviertel, aus viktorianischem Backstein und in Ehren ergraut. Nein, sie ist modern, wie die Botschaften der USA und des UK. Allerdings nagt wohl der Zahn der Zeit, denn man betritt derzeit eine wenig repräsentative Baustelle. Auf der vieles halbfertig wirkt, notdürftig geflickt. Ich bin dankbar, dass mir der freundliche Zerberus noch zuruft, ich solle mich nur an den Wegweisern orientieren, denn der vertraute Weg endet an einem provisorischen Bauzaun, ich muss durch einen ganz anderen Eingang in das Gebäude. Und hier die Offenbarung: Statt des erwarteten beengten, recht dunklen Raumes in meiner Erinnerung betrete ich einen großzügigen, hellen Warteraum mit mehreren Schaltern. Kurze Handdesinfektion, und während ich noch nach einer guten Sitzgelegenheit suche, Qual der Wahl, winkt mich die freundliche Sachbearbeiterin schon heran. Verfrüht. Aber der einzige andere Besucher war wohl fertig und ging, und wahrscheinlich war ich auch der letzte „Kunde“ vor der Mittagspause.

Ich bringe mein Anliegen vor, sie fragt nach den mitgebrachten Unterlagen … und ich zücke aus einer Mappe nacheinander den Antrag, den alten Pass, die Geburtsurkunde, die Passbilder, den Wohnsitznachweis as Gaeilge (also eine Rechnung von Electric Ireland), den frankierten Umschlag, die Kreditkarte. Man scheint Kummer gewohnt, denn die Reaktion ist vielsagend: „Oha, Sie sind aber sehr gut organisiert!“ Ich gebe zu, dass man mir das normalerweise weniger nachsagen kann, aber dass ich bei Behördengängen immer alles doppelt und dreifach durchsehe, um nicht wegen fehlendem Zeug dumm dazustehen und einen neuen Termin zu benötigen.

Während sie also meinen Passantrag sehr flink in das Computersystem einarbeitet, frage ich aus reiner Neugier, was ich denn für einen Personalausweis noch an zusätzlichen Unterlagen benötigen würde. „Hm, außer einem Antrag eigentlich nichts,“ kurzer Seitenblick auf die Armbanduhr, wir liegen gut in der Zeit, „ich mache das jetzt einfach gleich mit, wenn Sie wollen.“ Und ob ich will, Mehrkosten hin oder her. Und ich freue mich, dass der auf der Webseite der Botschaft angedrohte zweite Termin für einen Personalausweis (praktischer mitzuführen als der Reisepass) somit wegfallen kann.

Freut sicher auch die Botschaft, denn im Gespräch bestätigt die Sachbearbeiterin mir, dass wegen der Pandemie-bedingten Terminnot ein reichlicher Stau an Passangelegenheiten abzuarbeiten ist. Ich klage ein wenig über den Terminmangel, und sie antwortet (durchaus wahrheitsgemäß und erfrischend offen): „Ja, aber man sucht es sich ja letztlich selber aus, dass man in Irland lebt, wo nicht an jeder Ecke ein Bürgerbüro ist.“ Stimmt, ich kenne eigentlich niemanden, der gezwungen wurde, in Irland zu leben. Oder hier zu bleiben. Von vereinzelten Schulpflichtflüchtlingen und dem Typ bei Xerox, der keinen Unterhalt zahlen wollte, vielleicht einmal abgesehen. Und ich kann auch nur nicken, als sie darauf verweist, dass man die relativ einfache Anfahrt auf der Insel mal mit den Wegen vergleichen sollte, die Leute in anderen Ländern wie den USA auf sich nehmen müssten.

Sogar meine Frage, wieso ich nun schon wieder eine Geburtsurkunde anschleppen müsse, kann geklärt werden … ich hatte mich schlau gemacht, im Vaterland braucht man das nicht. „Ah, ja,“ meinte die Sachbearbeiterin, „da haben die Ämter aber auch direkten Zugriff auf die zentralen Dateien, können sowas direkt im Computer einsehen.“ Macht Sinn, oder auch nicht, wieso sollte man nicht auch von Irland aus in deutsche Zentraldateien schauen können? Andererseits, wenn ich mir so das Chaos beim HSE nach dem russischen Ransomware-Angriff ansehe, vielleicht ist so eine Isolierung des Systems auf reinen Zugriff vom Inland aus dann doch eine gute Idee. Wie auch immer, glücklicherweise hatte ich meine Geburtsurkunde noch gefunden, musste also nicht in Itzehoe nachfordern.

Der Personalausweis wirft dann aber doch zwei wichtige Fragen auf. Frage Eins – mit Fingerabdrücken oder ohne? Derzeit kann man noch wählen, aber „im Pass sind die ja eh erfasst“. Ich stimme zu, sollte ich noch eine Karriere als Verbrecher anstreben, muss ich mir halt die beiden Zeigefinger abhacken. Kurios: Den Status „Organspender“ kann man sich immer noch nicht im Personalausweis eintragen lassen, meiner Meinung nach längst überfällig. Frage Zwei – meine irische Adresse eintragen, oder einfach „kein Wohnsitz in Deutschland“? Ich entscheide mich für die erste Option, da die zweite irgendwie nach Obdachlosigkeit klingt. Und bekomme ungefragt erklärt, dass der Adresseintrag bei Leuten, die irgendwo in Dublin in einer WG oder auch Mietwohnung untergekommen sind, wohl nicht so gerne vorgenommen wird … logisch, wenn man sie die regelmäßigen Umzüge in diesem Milieu vor Augen führt, die dann jeweils eine „Ummeldung“ nach sich ziehen müssten.

So geht dann der mittlerweile doppelte Verwaltungsakt zügig und in wirklich entspannter, freundlicher Atmosphäre seinen behördlichen Gang, hundertachtzig Euro bitte. Und plötzlich die Frage: „Habe ich Sie eigentlich schon ohne Maske gesehen?“ Lachend nehme ich mein Maultäschle ab, verkneife mir die Bemerkung, dass dies keine Verbesserung der Optik bringen würde, und mache auch meiner Enttäuschung keine Luft, dass die Sachbearbeiterin sich nicht im Gegenzug auch kurz des Pandemie-Niqab entledigte. In der heutigen Zeit sind die Behörden wahrlich gesichtslos, aber besser ist das wohl.

Also, durchweg begeistert von den neuen Räumlichkeiten und der Bearbeitung meines Antrags (aus dem spontan meine Anträge wurden) verlasse ich die Botschaft noch weit vor Ablauf des gebuchten Zeitfensters, befreie mein Handy, und stapfe auf den Ausgang zu, wo statt des freundlichen Wächters im Kabuff nur eine etwas unsichere junge Frau vor der Tür anzutreffen ist. Per Fernentriegelung nach Klingeln öffnet die Tür, ich bliebe kurz stehen, frage die Frau auf Deutsch, ob sie reinwolle. Bin ja freundlich. Da erschallt auch schon eine Stimme aus der Sprechanlage: „Please close the door, Sir!“ Ja, okay, kein Problem, ich murmele eine Entschuldigung und ziehe die Tür zu, die mit einem deutlichen Klick schließt. Sache erledigt.

Keineswegs, denn es folgt noch ein mittlerweile redundanter Nachsatz, ein verbales Nachtreten sozusagen, durch die Sprechanlage: „It is not your position to allow access to the embassy!“ Ach ja, da ist er wieder, der belehrend und dabei gleichzeitig drohend erhobene Zeigefinger, der Hin- und Verweis gleichzeitig ist, mit dem eine sachlich korrekte Aussage flugs in eine Er- und Abmahnung sowie -kanzelung verwandelt wird, den man, wäre die Kommunikation nicht auf Englisch erfolgt, als „typisch deutsch“ bezeichnen könnte. Und der ob seiner faktisch korrekten Sachlage unangreifbar ist, aber im Kontext nun wirklich nicht hätte folgen müssen. Vielleicht bin ich auch nur zu empfindlich, gebe ich zu.

Jedenfalls verdrehe ich die Augen, wiederhole süffisant „Not my position!“, und bringe die junge Frau damit zumindest zum Lächeln.

Auf dem Weg zum Auto denke ich noch kurz, dass ich, rein objektiv gesehen, tatsächlich einen kleinen Fauxpas begangen habe, aus Höflichkeit („Man hält Damen die Tür auf!“), dass es aber keinen Hinweis auf die Vermeidung eines solchen Fehlers im Vorfeld gab … jedenfalls habe ich kein Schild gesehen, das mich zum umgehenden Schließen der Tür verpflichtete. Und dass eine Schleuse in Form einer Doppeltüranlage solch einen Fauxpas unmöglich machen würde. Dann aber denke ich auch, dass die männliche Stimme aus der Sprechanlage es vielleicht gar nicht so arrogant-überheblich gemeint hatte, wie es bei mir ankam.

Und ich denke, dass insgesamt gesehen, trotz Anlaufschwierigkeiten bei der Terminvergabe, dieser Botschaftsbesuch vielleicht der effizienteste, schnellste, schmerzloseste und damit beste war, den ich in über zwanzig Jahren auf der Insel erleben durfte. Dank einer guten Organisation auf beiden Seiten, einem vernünftigen Fotografen, und einer wirklich hilfreichen Sachbearbeiterin.