Stirbt Kultur an Covid-19?

Kulturschaffende und sonstige „Stakeholders“ in der Kulturwelt (vom Saalinhaber über den Veranstaltungslogistiker und die Frittenbude bis hin zu Künstler und Künstlerin) lamentieren, dass durch Covid-19, oder besser die Massnahmen gegen Covid-19, die Kultur am krepieren sei. Das ist in meinen Augen nicht richtig. Aber die sich dahinter verbergenden Probleme sind durchaus bedenkenswert.

Kann Kultur überhaupt sterben? Oder ist Kultur nicht eher unsterblich, wird nur der Kulturschaffende zu Grabe getragen … wie etwa Johann Hölzel auf dem Wiener Zentralfriedhof in allen Ehren, mit nahem Graffiti „Falco lebt!“?

Das Grab des bekannten Kulturschaffenden ...

Seit über 22 Jahren modert er nun dahin, aber ob Der Kommissar, Rock me Amadeus oder auch Jeanny, seine Musik lebt. Gut, ist nicht Musik für jeden und alle, aber das sind Mahler und Bartok auch nicht. Wie auch immer: Die von ihm geschaffene Kulturleistung hat sein Ableben ohne weitere Probleme überstanden.

Kann Kultur überhaupt sterben? Schwierig zu sagen in unserer Zeit, aber in den vergangenen Jahrtausenden gab es wiederholt Beispiele, dass Kultur bis auf ihre (letztlich oft nicht aussagekräftigen) Relikte und Artefakte, bis auf meist kulturfremde Beschreibungen verloren gehen kann. Ganz einfach gefragt: Was wissen wir wirklich von den „alten Germanen“, von „den Kelten“, oder den Krimgoten? Wenn man Tacitus, eine Million Phantasten und ein paar Metallarbeiten außer Acht lässt … erstaunlich wenig. Und ihre „Kultur“ ist letztlich ein Arrangement von Versatzstücken, dessen immense Lücken mit Gemeinplätzen oder viel literarischer Freiheit ausgeglichen werden. und dem jeweiligen Zeitgeschmack angeglichen. Wobei selbst „Stand der Forschung“ oftmals eher eine Ersatzformulierung für „heute aktueller Konsens des Mainstream“ ist. Da sind Historiker von den Virologen gar nicht so weit entfernt.

Heute, ja, heute kann Kultur, obe nun „eine Kultur“ oder „die Kultur“ allgemein, allerdings kaum sterben – es sei denn, sie wird ermordet, gewaltsam unterdrückt, man nehme die Aktivitäten der Nazis oder des „Islamischen Staates“ als Beispiel. Wobei selbst die nicht zu einer vollkommenen Auslöschung von Kulturen beitrug, denn diese blieben immer in relativ guten Dokumenten erhalten. Moderne Zeiten eben, trotz des Barbarismus der „modernen“ Menschen. Nach einem nuklearen Winter oder einer anderen weltweiten Katastrophe mit weitgehender Auslöschung der Kulturtragenden (i.e. der Menschheit) mag das anders aussehen. Schon heute weiß ja ein Teenager eher nicht, wie eine Kompaktkassette oder das VHS-Äquivalent zu behandeln sind. Also, ja, Kultur kann sterben, aber nur in extremis.

Kommen wir wieder zu Covid-19 und den von Kritikern als extrem angesehenen Maßnahmen dagegen. Stirbt die Kultur daran? Nein, vollkommener Quatsch – ob nun Veranstaltungsverbot oder Maskenpflicht, „die Kultur“ existiert unabhängig davon weiter. Im Gegenteil, sie wird teilweise sogar belebt … wenn sich die Rolling Stones erst im Lockdown dazu bequemen, mal wieder gemeinsam (naja, virtuell gemeinsam zumindest) Musik zu machen, dann sind Nachrichten vom Ableben „der Kultur“ reichlich verfrüht.

Aber, und ich hoffe, jetzt manchen Schnappatmenden wieder zu beruhigen, natürlich leiden die Kulturschaffenden (Künstler) sowie der gesamte Kulturbetrieb (alle, die mit an den Künstlern verdienen) unter den Covid-19-Maßnahmen. Eben weil ein wichtiges Segment eigentlich entweder komplett weggefallen, oder zumindest wie ein Hodensack in der Arktis zusammengeschrumpelt ist. Live-Veranstaltungen können, wenn überhaupt, nur noch unter Extrembedingungen stattfinden, mit einem maximal zusammengestrichenen Publikum, das wiederum kaum die Minimalkosten einer Veranstaltung trägt. Und ohne Kostendeckung ist, im Zweifelsfall, gar keine Veranstaltung möglich, denn auch Kulturschaffende sind keine Wohlfahrtseinrichtung, sondern müssen sich zumindest ihr Dosenravioli und einen alten VW Bus leisten können. Sie sind es, die sterben … naja, in der westlichen Welt eher nicht … zum Sozialfall werden trifft es besser. Auch wenn sich schon der eine oder andere Künstler ob dieser Perspektive den Strick genommen hat. Kann ich begrenzt nachvollziehen, denn Lebensfreude und Pandemie sind, außer am Hof des Prinzen Prospero, eher unvereinbar. Aber, um es klar zu sagen: Meiner Meinung nach stirbt nicht die Kultur, muss auch der Kulturschaffende nicht sterben, aber ein darauf aufbauender Wirtschaftszweig geht zumindest zeitweise den Bach runter.

Wobei es sicherlich auch jene Kulturschaffenden gibt, die ohne den Veranstaltungszirkus von ihrem Werk leben können – Buchautoren an erster Stelle, auch wenn ihnen in Ermangelung von oft gut dotierten Auftritten, Lesungen, Diskussionsrunden ein Teil des Einkommens wegbrechen mag. Selbst manche Musiker: Wann war noch gleich das letzte Live-Konzert von Enya? Und ob die wandelnde Geriatrieabteilung des Rock und Pop (die schon genannten Stones, Tom Jones und andere Veteranen) wirklich noch live auftreten müssen, um sich ihre Frühstücksbrötchen zu sichern, ich bezweifle es. Vielfach wird ja auch beschworen, dass den Künstlern einfach das Live-Erlebnis, das Publikum fehlt. Der Adrenalinkick, nehme ich an, vielleicht auch die eine oder andere fliegende Unterhose (hoffentlich ohne Inkontinenzeinlage). Als eher introvertierter Mensch mag ich mir da kein Urteil zu erlauben.

Und, welche Lösung habe ich? Selbstverständlich keine, denn die einzige Lösung dieses gesamten Problemkomplexes wäre ein sofortiges, rückstandsloses Verschwinden von Covid-19 aus der Welt. Und daran mögen vielleicht einige Verquerdenker glauben, ich jedenfalls nicht. Je länger die Pandemie anhält und wir uns nicht zum kollektiven Suizidversuch in Sachen „natürliche Herdenimmunität“ entschließen, desto mehr Einrichtungen des herkömmlichen Kulturbetriebes werden dauerhaft schließen müssen, denn auch der staatliche Subventionstopf ist kein Dukatenscheißer.

Aber man wird auch mit neuen Strategien arbeiten müssen – die zweite Verschiebung des neuen James Bond (den ich ja in etwa so fiebernd erwarte wie das neue Album von Ed Sheeran) ist ein schlechtes Vorbild, denn die Filmfirma setzt auf ein Pandemie-Ende in naher Zukunft, ohne sich nach neuen Wegen zum Kunden umzusehen. Disney geht den anderen Weg, bietet Mulan (2020) auf dem eigenen Streamingdienst gegen Aufpreis an. Was bislang maximal 50% der Produktionskosten eingespielt haben soll. Aber: Streaming scheint zumindest im kleinen Maßstab als Notanker zu helfen, Corvus Corax etwa nutzten die Möglichkeit (während nebenan bei In Extremo verzweifelt T-Shirts zu nicht stattgefundenen Veranstaltungen als ganz besonderer Sammlerartikel verhökert werden sollen … in Dublin schaffen es nicht einmal die Charity Shops, den Berg an Garth-Brooks-Klamotten abzubauen).

Kurzum: Die Kulturwelt kann sich jetzt langsam entscheiden, ob man eine Umorientierung auf das „neue Normal“ vollzieht, oder ob man es aussitzen will. Streaming und ähnliche Dinge wie Minikonzerte können aber vielleicht die Künstler und ihre engsten Mitarbeiter über Wasser halten, garantiert aber keinen Mammutveranstalter, kein Fuhrunternehmen, keinen Bierstand am Eingang rechts. Hält die Pandemie an, ist die Zeit des Mitverdienens schlicht vorbei. Da wird der grimme Schnitter wirklich umgehen.

Kultur an sich, sie wird überleben. Da bin ich mal optimistisch. Siehe oben. Da halte ich „Cancel Culture“ und ähnliche Verwirrungen schon für gefährlicher.

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