So ganz ohne Grabstein und Erinnerungsort?

Meine Eltern wurden, ihrem eigenen Wunsch entsprechend, nie beerdigt … sie wurden sozusagen „bewässert“, denn ihre Bestattung fand auf See statt. Vor Büsum, zwischen Robben und Möwen, Krabben und Fischen. Dort sanken sie, vorher natürlich kremiert, in einer sich schnell zersetzenden Öko-Urne in die Tiefe. Und niemand muss sich um Grabpflege etc.pp. kümmern.

Nur als kleiner Exkurs … auch finanziell ist so eine Seebestattung recht attraktiv (wenn man nach dem Todesfall gewillt und in der Lage ist, dem Bestatter die Pistole auf die Brust zu setzen, oder sich eben rechtzeitig Gedanken macht). Kurzfristig durch wegfallende Kosten wie etwa für den Grabstein. Langfristig in Ermangelung eines Bedarfs an Unterhaltskosten. Und man muss sich nicht mit der Meinung von Mitmenschen rumschlagen, wie denn das Grab aussehe, ob der Grabstein nun wirklich würdig sei, wer, wie, was, warum … solche Fragen sind nur dumm. Nein, hat man (wie bei uns) erst einmal mit dem Multifunktions-Kutter MS „Hauke“ den Büsumer Hafen hinter sich gelassen, hat man auch keine neugierigen, kritischen, bewertenden Blicke mehr auf sich gerichtet. Und auch kein Pfarrer bemüht sich, der Kapitän macht die Andacht und zitiert den alten Kinau: „Junge, nimm deine Mütze mal ab … und dann sinnig über Bord.“

MS "Hauke" im Heimathafen Büsum
Hauke läuft in den Hafen ein …

Gut, dass mein Onkel von einer Welle pitschnass wurde, als er Leif-Erikson-gleich den Bugausguck mimte … das durchbrach dann die feierliche Stimmung dann doch etwas. Aber insgesamt gut. Und, wie meine Mutter immer sagte: „Wenn Ihr dann unser Grab besuchen wollt, braucht Ihr nur irgendwo auf der Welt ans Meer … und dabei nicht einmal Laub fegen!“ Stimmt, selbst im Südchinesischen Meer wird wohl irgendwann eine homöopathische Dosis der Bieges mitschwimmen.

Nun zu den Schwiegereltern … das Thema „Tod und danach“ schneidet man ja, je näher sich der grimme Schnitter heranschleicht, eher ungerne an. Aber, manchmal muss es sein. Und eins ist klar: Verbrennung, gar Seebestattung, nie und nimmer. Man will schließlich „ein ordentliches Grab“, an dem man sich erinnern kann, an dem auch ein Monolith mit Namen und Daten der Erinnerung auf die Sprünge hilft. Kurz gefasst (und wirklich so oder zumindest ähnlich mehrfach gehört): „So ganz ohne Grabstein und Erinnerungsort wollen wir nicht ruhen!“ Ich breche jetzt (und auch im persönlichen Gespräch) keinen Streit darüber vom Friedhofszaun, für wen das nun genau wichtig ist. Auch wenn vielleicht nur für ihr eigenes Seelenheil, dann soll (muss) es so sein. Da hilft selbst meiner Mutter Maxime (siehe oben) nichts, wenigstens kann ich entschuldigend darauf verweisen, dass meine Eltern das sogar testamentarisch festgelegt hatten.

Apropos Testament … das war auch eine schwere Geburt, aber lassen wir das Thema lieber.

Wie auch immer: Einen Erinnerungsort (also das Meer) haben wir, fehlt ja eigentlich nur der Grabstein. Nun könnte man einen schleifen lassen, zum Meer schleifen, und dann sinnig über Bord. Aber das würde wahrscheinlich nicht wirklich die Mindestanforderungen des Memorial-Mainstream erfüllen. Weil, wie soll man den denn nun lesen, geschweige denn putzen?

Ich habe jetzt das Outsourcing entdeckt … ab etwa 2022 werden meine Eltern in Clifden für jeden Besucher sichtbar geehrt. Man muss nur zum Hafen, und dann genau hinschauen: Ihre Namen werden nämlich auf dem Rettungsboot der Shannon-Klasse stehen, das derzeit im Bau ist. Möglich wurde dies durch die clevere Initiative „Launch a Memory“ der RNLI. Horst und Inge Biege werden dann zusammen mit wohl 9.998 anderen Menschen Teil der Bootsbeschriftung sein. Da unsere Familie traditionell schon immer für die Seenotrettung spendete (von reger Aktivität in der Wasserrettung mal ganz abgesehen) … wird das auch bestimmt keinen Schiefen reißen, sollten die Verstorbenen das irgendwo und irgendwie mitbekommen. Und, ganz ehrlich, für mich war es ein willkommener Grund, einmal mehr, und auch etwas mehr, zu spenden. Über dem Mindestbeitrag, aber der Rest ist egal, denn es geht ja nicht um mich. Nein, ich finde die Idee Klasse, ich war sofort angetan, und mit einem Aufdruck im Pfennigbereich „erkaufe“ ich hier so oder so keinen satten Gegenwert. Nettogewinn für die RNLI dürfte weitaus höher sein, als wenn ich mir mal wieder einen Kaffeebecher oder ein Poloshirt gönne.

Also Win-Win … und putzen muss ich diesen „schwimmenden Grabstein“ auch nicht selber.

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