Sag mir, wo die Itzehoer sind, wo sind sie geblieben?

Dieser Tage dachte ich daran, dass rings um mich her die Leute älter werden … einer meiner ältesten Freunde wurde gerade 60, und da wir uns schon als Babies kannten, erwischt es mich wohl auch bald. Ich werde alt, aber das soll nicht wieder Thema sein. Nein, ich mache mal einen auf Proust und begebe mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Vor fast vierzig Jahren verließ ich meine Heimatstadt Itzehoe (ein späteres Gastspiel einmal ignoriert). Und ich fragte mich aus nichtigem Anlass, ob ich irgendetwas versäumt habe. Madeleines einmal ausgenommen.

Der Anlass zum sinnierenden Nachdenken war zweifacher Art … sowohl ein Kölner Tatort wie auch ein neuerer Experimentalfilm hatten das Thema „Klassentreffen“ hochgespült. Und Herself wie auch ich fragten uns, was man bei einem solchen nostalgischen Meeting eigentlich wirklich erwartet. Gut, nicht unbedingt einen Toten und eine heiße Nacht (die übliche Ballauf-Kombi), aber vielleicht tatsächlich einen Eiertanz zwischen Herzlichkeit und Herzschmerz, zwischen freudiger Erinnerung und dem nackten Grausen. Und ich kam zu dem Schluss, dass ich einerseits meine Abwesenheit beim dreißigjährigen Abiturjubiläum anno 2010 bereue, andererseits in meiner unnachahmlichen Art dort vielleicht auch den Party-Pooper gegeben hätte. Oder in hoffnungsloser Sentimentalität davon geflossen wäre.

Aber, wäre es nicht eine gute Gelegenheit gewesen, alte Freunde wieder zu sehen?

Hm … mit dem Begriff „Freunde“ beginne ich ja schon zu hadern. In unserem Abschlussjahrgang waren um die, ich glaube sogar mehr als sechzig Leute. Eine echte Freundschaft jenseits der „Schicksalsgemeinschaft Schule“ verband mich mit einem, vielleicht zweien davon. Ein paar mehr standen mir als gute Bekannte näher, aber mit zwei Dritteln oder mehr verband mich, ganz ehrlich, außer gemeinsamem Schulbesuch eigentlich nichts. Da und dort eine Überschneidung etwa bei Hobbies oder im Musikgeschmack, an anderen Stellen eine eher romantische Bindung (theoretisch, nicht praktisch, gebe ich zu), aber echte Freundschaft? Da waren mir Leute in anderen Jahrgängen, in anderen Schulen, ganz aus dem Umfeld „Schule“ herausgelöst wirklich näher und wichtiger.

Wie auch immer, wäre es nicht eine gute Gelegenheit gewesen, alte Jahrgangskameraden wieder zu sehen?

Das sicher, zumal viele Schulkollegen (nicht nur aus meinem Jahrgang) sich mittlerweile verändert haben, und das keineswegs nur äußerlich. Da hat dann der eine einen Eintrag in Wikipedia, der andere einen Eintrag im Friedhofsregister. Da ist die beste (und keineswegs diskriminierende) Knutscherin vom Schulfest heute moralisch gefestigte Großmutter mit erzkonservativen Neigungen, der Jahrgangs-Bully gibt heute den freundlichen Integrationsbeauftragten, der immer etwas ausgeflippte Hippietyp ist jetzt in Versicherungen und Investment tätig, der priapische Partyhengst lamentiert nach Jahren noch über die angebliche Untreue seiner Frau. Gut, einige sind sich wirklich treu geblieben … „Bauer“ ist immer noch Landwirt, auch der Bulle ist immer noch Polizeibeamter, sogar die von ihren Eltern hoffnungslos begluckte Kollegin beglückt mit ihrem Gluckendasein heute die eigenen (längst erwachsenen) Kinder. Und mancher hat sogar, wie ich, eine recht bunt gescheckte Karriere … wobei Karriere dann wohl mit Anführungsstrichen und Fragezeichen in Klammern gesehen werden sollte. Aber eigentlich alles egal, wir sind wir, und da angekommen, wo wir sind. In vielen Fällen eben dort, wo wir auch hingehören – wobei ich die Leute im kühlen Grab jetzt mal ausdrücklich ausnehme, die im Strafvollzug eher nicht. Und wer von uns wirklich „Erfolg“ hatte, tja, das ist eine ganz andere, eine mehr philosophische Frage.

Woher ich eigentlich so viel von Leuten und über Leute weiß, die ich oft genug seit vier Jahrzehnten nicht zu Gesicht bekommen habe? Nun ja, soziale Medien wie Facebook und StayFriends machen es relativ einfach. Und, wie ein Bekannter mal sagte, ich habe ja auch einen Postgraduate Degree in Cyberstalking.

Bleibt aber die Frage – wenn ich jetzt mit einem Haufen dieser Leute zusammen säße, wäre das Pflicht oder Kür? Oder sogar peinlich?

Fällt mir eine Begebenheit ein, vor 25+ Jahren in Hamburg, ich war mit einer ehemaligen Studien- und danach Berufskollegin im Anschluss an einen Termin bei Peter Tamm in der Elbchaussee am Millerntor unterwegs, Abendessen in einer Kneipe. Und siehe, irgendwann sass am Tresen ein alter Freund. Das war’s dann aber auch schon … er sass da, ab und an bemerkte ich einen Seitenblick, aber nix, kein Gruß, kein Nicken, keine Wahrnehmung meiner Existenz. Als unsere Gläser leer waren, schnappte ich sie mir, stellte mich direkt neben ihn an den Tresen, sprach ihn an. Die Einsilbigkeit der unverbindlichen Antworten war Olympia-reif. Ein Erlebnis, das mich heute noch nachdenklich macht. Und eine kalte Abfuhr, wie sie mir sonst nie widerfahren war … selbst im Steinhagel vor einer von Rechtsradikalen genutzten Kneipe konnte ich mit einem anderen Schul- und Berufskollegen (hinter der Polizeikette) noch kurz freundliche Worte wechseln, andere Leute haben nach Jahrzehnten ohne Kontakt kein Problem, spontan zusammen einen Kaffeebecher zu stürzen. Aber sowas?

Letztlich stimmt es schon: You can never go home again! Man kann zwar in die Heimat zurückkehren, aber die Heimat hat sich verändert. Statt dem Eiscafé findet man einen Billigladen vor, statt der Eiche im Park einen Stumpen, statt dem unansehnlichen Abrisshaus einen schicken Neubau. Veränderungen zum Guten wie zum Schlechten. Veränderungen, die man mit Abstand vielleicht mehr bemerkt, die in ihrer Plötzlichkeit viel schockierender sind, als wenn man sie jahrelang in kleinen Schritten miterlebt hätte.

Und so ist das ja auch letztlich mit unseren Mitmenschen, auch die verändern sich. Dabei nicht zu vergessen: Auch ich verändere mich, sehe manche Dinge aus anderer Perspektive.

Um beim Thema „Schule“ zu bleiben, wer hat seine Lehrer nicht irgendwie als Last empfunden, teilweise sogar abgrundtief gehasst? Das mag auf Gegenseitigkeit beruht haben, ist ganz normal. Nur wenige waren unsere „Helden“. Vierzig Jahre danach? Manches sieht man anders. Den jungen, Revoluzzer-mässig daher kommenden Lehrer, der „irgendwie locker drauf war“ … man sieht ihn vielleicht im Nachhinein als ineffektiven Schwätzer. Der immer fröhliche Kumpel aller Schüler … war er in seinem oft vermuteten Alkoholismus nicht doch eher ein armes Würstchen?

Der seine Schüler terrorisierende Lehrer dagegen, dessen Verhältnis zu Arbeitszeiten und Korrekturgeschwindigkeit selbst mit bestem Willen nur als „gestört“ bezeichnet werden konnte, der sogar mal eine ganze Stunde mit eiskaltem Blick vor der Klasse sass und kein Sterbenswörtchen sagte? Vielleicht ein nicht wirklich für das Lehramt geeigneter Mann, den man mit bösem Willen auch als Psychopathen, Misanthropen erster Güte, empathische Nullnummer abstempeln könnte … aber ich bin ihm heute noch dankbar für einige seiner Hinweise auf lesenswerte deutsche Literatur und Lyrik, nach einer wie üblich an den Nerven zehrenden Stunde bei ihm bin ich losgestapft und habe mir umgehend Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ gekauft. Selbst, dass er mir einen (zugegeben verdienten und zugegeben auch recht launig begründeten) Verweis einbrockte, ja, auch das kann ich ihm nicht wirklich übel nehmen. Würde ich ihm auch gerne alles selber sagen, aber ihn hat der grimme Schnitter noch vor Erreichen des Pensionsalters eingesackt. Meinem Englischlehrer „Kuddl“, auch stellenweise ein Problemfall, bin ich heute noch für die Art dankbar, wie er uns an Shakespeare und Theater allgemein heranführte – dem konnte ich das aber wenigstens noch sagen, als wir uns vor einigen Jahren in Irland am Grab von W.B.Yeats trafen.

Was aber würde ich meinen „Schulkameraden“ heute sagen wollen? Generell habe ich ja das Problem, oft mit der Tür ins Haus zu fallen, Dinge direkt auszusprechen, die mir in den Sinn kommen, auch wenn die soziale Situation an sich eher freundlichen Smalltalk verlangt. Heute wäre man mit einer Asperger-Diagnose sicher schnell zur Hand, denke ich. Davon aber abgesehen (Danke der Nachfrage, es geht mir trotzdem gut, ich bin nur manchmal merkwürdig!) … wie läuft denn das Gespräch wirklich ab?

In meiner Vorstellung ungefähr so, Antworten des Gegenüber und die obligatorische Wiederholung der Frage etc.pp. ausgespart: „Ja, vierzig Jahre … was machst Du denn heute so beruflich? Wo wohnst Du denn? Hm, und … Familie, Kinder, Enkel? Aha … und sonst geht’s gut?“ Danach dann betretenes Schweigen, weil, was soll man wirklich nach vierzig Jahren Funkstille fragen. Im Bestreben um journalistische Gründlichkeit und mit Erinnerungsfetzen bewaffnet würde bei mir dann wahrscheinlich eine Frage wie „Und, säufst Du immer noch so viel?“ folgen. Oder, vielleicht im gesellschaftlichen Rahmen noch schlimmer: „Und, machst Du immer noch diese kleinen Japser, wenn Du kommst?“

Weiter zum nächsten „Schulfreund“, der Abend ist ja noch lang, dieses Speed-Dating für Fast-Rentner könnte mit der richtigen Fragetechnik eigentlich richtig Spaß machen. Also, dem Fragenden. Oder mit einer schallenden Ohrfeige enden. Oder … am Ende einfach nur peinlich sein, weil man feststellt, dass einen außer gemeinsam vollgepupsten Klassenräumen doch mit den meisten „Ehemaligen“ viel zu wenig verbindet. Eigentlich noch nie etwas wirklich verbunden hat.

Wobei, und da komme ich auf die Titelzeile zurück … einige Leute würde ich tatsächlich gerne wieder auf ein Bier oder einen Kaffee treffen, einfach mal so, ohne Verpflichtungen. Interessante Leute meist, die einen oft eigenwilligen Lebensweg gingen. Oder Leute, die schlicht ein spätes „Dankeschön!“ verdient haben, meist für eine Kleinigkeit, die aber im Gesamtbild dann doch wichtig war. Andere Leute, die sich selbst irgendwann mal als Ar…mleuchter geoutet haben, was soll’s? Und jemandem nach vierzig Jahren endlich einmal die Meinung geigen? Nicht mein Ding, auch wenn ich generell mit dem Gedächtnis eines Rüssel-bewaffneten Pachydermen gesegnet/gestraft bin, welchem Zweck soll es dienen? Ich selbst war ja auch nie ein einfacher Mensch, geschweige denn ein sonniges Gemüt, das jedem Mitmenschen den Tag versüßte.

Sollte sich jetzt ein Itzehoer (oder sonstiger Bekannter) angesprochen fühlen und wieder mehr Kontakt wünschen … man kann mich recht einfach auf Facebook erreichen.