Ostblock-Retter von Cobi … nur Mittelmaß?

Kommt es unter Klemmbausteinfreunden zur Erwähnung des polnischen Herstellers Cobi, dann gibt es regelmäßig Vorschusslorbeeren – glaubt man den im Netz zu findenden Meinungen der Fans, dann kann die Firma aus Warschau nichts falsch machen. Naja, ich jedenfalls zucke nach meiner Bastelei der vier Rettungs-Youngtimer etwas mit den Schultern. Mehr als Mittelmaß ist das nicht, in vielerlei Beziehung.

Das Cobi-Programm selber ist extrem militaristisch ausgerichtet, mit „niedlichen“ Figuren wird vor allem gerne die Kriegsmaschinerie der Nazizeit präsentiert. Da mag man nun zu stehen, wie man will … mich macht es wenig an, aber die im Maßstab 1/35 gehaltenen „Youngtimer“ finde ich dann doch interessant. Fahrzeuge aus Polen, der DDR und der Sowjetunion sieht man ja eher selten als Klemmbaustein-Kreationen. Und da sich hier nun auch vier Standardvehikel von Krankentransport und Rettungsdienst fanden, griff ich dann irgendwann mal (per BB Services in Flörsheim, denn die Portokosten direkt aus Polen sind exorbitant) im Paket zu.

Zwei Polen, zwei „Ossis“, auf den ersten Blick recht angenehm anzuschauen. Aber nur teilweise eine Herausforderung. An den falschen Stellen zudem. Ich lasse mal meinen Senf zu jedem Modell einzeln ab. Vorweg aber die Dinge, die allen Modellen gemein sind: Bedingt durch das Medium Klemmbaustein sind alle nur Annäherungen an das Original und keineswegs echte „Maßstabsmodelle“, und viele Fahrzeugcharakteristika sind nur durch Sonderteile verwirklicht worden, die man nirgendwo sonst einsetzen kann. Immerhin haben die meisten Sitze einen eingebauten Hodenheber, ist auch was.

Dienstältester Retter ist eine Krankentransportversion des Warszawa 203 (später 223) auf Kombibasis, ab 1967 lieferbar. Im Prinzip kein schlechtes Modell, da die charakteristische Front durch Sonderteile erstellt wird, die auch teilweise bedruckt sind. Nur als Aufkleber mitgeliefert wird der blaue Streifen an der Front (der beim Aufbringen schnell zu Rissen neigt), das blaue Kreuz auf den Türen und … die Seitenscheiben. Wenig begeistert hat mich die Karosseriegestaltung an der Fahrzeugseite, hier könnte man eine Coladose abstellen. Das Original war wesentlich runder.

Indirekter Nachfolger war dann der FSO 125p, der aus dem Polski Fiat 125p hervorging und ab 1982 als bahnbrechende Neuerung ein anderes Markenzeichen aufwies. Auch dieses bis 1991 gefertigte Fahrzeug wurde als Krankentransportwagen eingesetzt, jetzt sogar mit Lüfter im Dach und zwei Blaulichtern. Das Modell hat weniger Sonderteile als der Warszawa, ist aber auch eckiger als das Vorbild, und wird mit denselben Seitenscheiben und Kreuzen als Kleber versehen. Die zweiteilige Motorhaube ist in dunkelblau gespritzt und oben weiß bedruckt – sieht auf den ersten Blick etwas schlierig aus, am fertigen Modell ist der Effekt aber gut.

Jetzt aber nach Westen … in die DDR.

Interessantes Detail – als Cobi den Wartburg 353 MED vorstellte, meldeten sich gleich Ostexperten, dass es das Fahrzeug nie gegeben habe. Blödsinn, das auf dem Kombi basierende Arztfahrzeug gab es sowohl bei der DMH wie beim DHD. Und mit dem komplett bedruckten Modell hat Cobi wirklich die Standardausführung geliefert. Gibt es etwas auszusetzen? Nicht wirklich, auch wenn ich die Blaulichter und Lautsprecher bei allen hier gezeigten Modellen durchweg als recht verbesserungswürdig einstufe. Zumal jetzt von der typischen Kegelform des DDR-Blaulichts weit entfernt.

Letzter im Bunde ist dann der Barkas in Rettungsdienst-Ausführung, wie er bis zum Verschwinden der DDR lange im Einsatz war – angekündigt war er erst (falsch) als SMH 3, jetzt firmiert er (auch falsch) als Krankenwagen … nach Lackierung und Warnanlage ist es eine SMH 2, also ein Rettungswagen. Gut, ist jetzt wirklich was für Fachleute, aber ich kann nunmal nicht anders. Auch bei diesem Modell sind alle Beschriftungen als Druck ausgeführt, und nur die monströsen Seitenspiegel haben mich erstmal gestört. Ansonsten – sieht doch gut aus, oder? Auf den zweiten Blick dann stimmen die Proportionen nicht wirklich: Der Barkas erscheint insgesamt zu kurz, und das kleine Fenster an der Seite ist definitiv zu breit dargestellt.

Gesamturteil?

Nette Modelle, die man binnen jeweils dreißig Minuten ohne grosses Nachdenken zusammensetzen kann (lediglich zum Einsetzen der Barkas-Blinker sollten mit Wurstfingern gesegnete Menschen eine Pinzette bereitlegen). Machen sich gut auf dem Regal (in eine „City“-Landschaft passen sie nicht), sollte man als Rettungsfan haben. Wirklich das Gelbe vom EI sind sie aber nicht – für den Klemmbausteinfan viel zu viele Sonderteile und somit wenig Umbaumöglichkeiten, für den Modellbauer zu grob gestrickt, in Teilen auch wirklich ungenau. Mittelmaß eben.

Mein Gedanke, aus der SMH 2 eine SMH 3 zu machen … ich habe ihn erstmal begraben, denn da müssten noch mehr Sondersteine zu erscheinen. So bleibt mir dann die Hoffnung, dass Cobi noch mehr „Youngtimer“ konzipiert, ein Multicar wäre nett, vielleicht die Żuk Kleintransporter? Aber bei den ersten Ankündigungen für 2021 war nur Kriegsgerät zu sehen.