On the Road Again …

Nein, keine Sorge, trotz Sonderstatus „Presse“ bin ich nicht im Land unterwegs, sondern nur auf dem Land. Zwei Kilometer Umkreis hat die irische Regierung legalisiert, und das ist bei uns dann eben doch ein ganzer Batzen, Dorf sogar gerade noch so inklusive. Aber ich nutze jetzt eben wieder die auch sonst wenig befahrenen Strassen der Umgebung für Spaziergänge. Gutes Wetter und das dringende Bedürfnis, etwas fitter zu werden, sind Schuld. Am Outfit allerdings, da ist jemand ganz anderes Schuld …

In der Tat wurde ich inspiriert von der „Heimschulfamilie“, meinem derzeitigen Nummer-Eins-Kandidatenteam für Irlandinformationen voll unfreiwilliger Komik. In einem YouTube-Video klärte schließlich der Stammvater auf, dass Irlands Strassen für Fußgänger mörderisch seien und man daher eine der kostenlosen (huh?) Warnwesten anziehen müsse. Oder so. Wie auch immer, ich war noch nie ein Freund der Tarnfarben zu solchen Anlässen, also schmiss ich mich selbst in ein grelles Warnmuster.

Wandern im Ramen-Outfit, sicherer geht es fast nicht!

So stapfe ich also in der Optik einer chinesischen Instantnudelsuppe quer durch das Covid-19 geplagte Cavan … als habe das Land noch nicht genug zu leiden. Aber: Niemand verwechselt mich mit einer freien Strecke. Im Gegenteil, die Leute schauen zweimal hin, einige grinsen, und der Postie hielt sofort an. Um zu fragen, ob ich ihm für seine Frau auch so ein Outfit besorgen kann, als Südostasiatin ist sie ja schon per DNS Nudelfan. Schaunmermal, wann AliExpress wieder zuverlässig wird!

Und, was gibt es Neues in der Nachbarschaft? Naja, ein Haus wird endlich fertiggestellt, scheint es, beim Crash 2008 blieb nur ein Rohbau stehen. Hier und da leben wohl jetzt neue Leute … ach ne, den Burschen habe ich zuletzt bei seiner Konfirmation gesehen, und die Frau noch nie ohne volle Kriegsbemalung. Und das Tierleben ist nach wie vor reichhaltig, einige hektische Jack Russell, ein cooler Bernhardiner, eine Boxermischung mit sehr anhänglicher Tendenz, auch sonst ein bunter Mix an Vierbeinern aller Art, bis hin zu Ochs und Esel. Und den drei Nachbarshunden, die mich immer auf den letzten paar hundert Metern begleiten, um für diese wichtige Bodyguard-Aktion Schutzgeld in Form von Snacks zu kassieren.

Apropos Esel – ich selber bewege mich ja mehr so im Tempo einer geriatrischen Schnecke, aber wenn ich andere Spaziergänger dann doch recht flott ein- und dann überhole, dann muss etwas faul sein. Zuerst dachte ich an Behinderung, denn der junge Mann ging sehr vorgebeugt, hielt die Hände fast wie zum Gebet verkrampft vor sich. Als ich an ihm vorbei renne (naja) merke ich aber, dass er ein Smartphone vor sich hält, das gleißende Sonnenlicht auf dem Display versucht zu vermeiden, und wohl Facebook oder Tinder oder TicToc oder YouPorn konsumiert. Und heftig zusammenzuckt, als ich „Hello!“ sage. Gut, für solche Menschen ist selbst die kleinste Nebenstraße potentiell tödlich, die schaffen es ja nicht mal, einen auf 6 km/h gedrosselten Trecker mit defektem Auspuff rechtzeitig wahrzunehmen.

Worauf ich dann automatisch sinniere, dass ich ja auch ein Smartphone in der Tasche habe, und per Kopfhörer doch beim rund eine Stunde dauernden Rundweg ein Hörbuch, ein Hörspiel, eine Podcast oder auch teutonische Marschmusik … aber warum, was soll das?

Ich finde es wirklich schön, einfach die Geräuschkulisse des Lebens wahrzunehmen. Zugegeben, der Fasan hinter der Hecke klingt wie ein sich in Temple Bar auskotzender Tourist, aber das ist dann auch das einzige Manko. Hier kreischt ein Raubvogel, da gurrt eine Taube, ein Pferd wiehert, ein Esel antwortet etwas unmelodischer, Rinder muhen, ein Schaf furzt gewaltig (ohne Scheiß jetzt), Hunde geben ihren Senf dazu, der seltene Straßenverkehr kündigt sich überaus rechtzeitig an, man kann mit anderen Leuten mangels urbanem Hintergrundlärm auf fünfundzwanzig Meter ein paar Worte wechseln, wenn das Summen der Bienen und Hummeln nicht zu laut ist, selbst eine hastig sich vom Acker, nein, von der Strasse auf den Acker machende Maus raschelt recht laut durch die Hecke.

Alles besser als die ewige Dauerberieselung. Und man bekommt durch geöffnete Fenster oder das Radio im Garten ja auch mit, was für einen Musikgeschmack die Nachbarschaft so hat. Auch interessant. Nahezu so interessant wie die jüngere Dame, die am Schminktisch vor dem Gaubenfenster noch kurz den BH zurechtrückt … und erstarrt, als sie mich fröhlich winkenden Wandersmann auf der Strasse erblickt, direkt hinter der frisch und radikal gestutzten Hecke. Auch so ein Opfer des staatlich verordneten Stubenarrestes.

Ach ja, mein zweiter Grund, keine Berieselung zu haben, ist tief in mir drin … beim Spaziergang kann ich denken, formulieren, Pläne schmieden, ist damit also quasi sogar Arbeitszeit. Das klappt so gut, dass ich manches Mal nach einem kühlen Schluck mit voller Wucht in die Tasten hauen kann und binnen kürzester Zeit ein fast druckfertiger Artikel dasteht.

Einen meiner ehemaligen Chefs hat diese Art der Arbeit fast in den Wahnsinn getrieben: Kam ich von einem Außentermin zurück, wollte er Notizen und Entwürfe sehen. Ich hatte allenfalls ein paar Stichwörter und markante Zitate. Aber während der Autofahrt etwa von Bad Mergentheim nach Stuttgart schon den gesamten Artikel im Kopf geschrieben. Und hämmerte ihn dann schnell runter, oder diktierte, wenn Sekretärin und Schreibkraft wieder ihre Mitleid erregenden Blicke aufsetzten. Aber dazu ein anderes Mal mehr …

Ein Gedanke zu „On the Road Again …

  • 15. Mai 2020 um 19:27
    Permalink

    Die Warnwesten (und auch Rucksack Ueberzieher) kann man bei der RSA auf deren Website kostenlos anfordern. Das sind dann diese „RSA – Be Safe Be Seen“ Westen.

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