Neues Normal auf Level 4

Die gefürchtete zweite Welle hat definitiv Irland erreicht, es werden mehr Covid-19-Infektionen als je zuvor festgestellt – was, zugegeben, auch an mehr Tests liegen mag. Uns aber brachte dies auch Grenzprobleme, denn wir leben in einem Corona-Hotspot. Cavan ist in der Republik mit der höchsten Durchseuchung geschlagen.

Vielleicht der letzte Kaffee?

Gestern nachmittag sass ich noch am örtlichen Costa, auf eine Autoreparatur wartend – am, nicht im, denn schon mit dem landesweiten Level 3 der Corona-Gegenmaßnahmen musste komplett auf Outdoor-Gastronomie umgestellt werden. Was, richtig gekleidet, ja an sich weniger ein Problem ist (auch wenn das WiFi auf der Terrasse unbrauchbar wird). Also, Latte und süßes Stückchen, man gönnt sich ja sonst nichts. Wie auch? Die Möglichkeiten zum Geld ausgeben sind derzeit beschränkt, man hat ja auch schlicht keine Lust zum Einkaufsbummel, wenn man denn mal darf. Dass ich mir gestern gegenüber von Costa eine neue Jogginghose gönnte, das war schon ein Highlight des Konsumentendaseins. Gut, bei Onlinebestellungen mag das jetzt etwas anders aussehen, da war doch dieser Klemmbaustein-Drache aus Game of Thrones … oops, gerade mit 44% Preisabschlag bei Amazon geordert.

Gestern also Level 3, heute dann Level 4 in den drei „republikanischen“ Counties von Ulster – Donegal, Monaghan, und natürlich unser Cavan. Warum? Ein Blick auf die offizielle Statistik hilft: Die Inzidenzrate in Donegal liegt bei 354 Infizierten pro 100.000 Einwohner, in Monaghan sogar bei 360. Und Cavan? Jawoll, wir sind einsame Spitze in der Republik, 570 Infizierte pro 100.000 Einwohner, 0,57% der Bevölkerung, Tendenz steigend, und eben nicht mehr nur in Altenheimen und Fleischfabriken (haben wir beide reichlich). Unser Krankenhaus ist schon teilweise No-Go-Area. Und hat die meisten Covid-19 Patienten landesweit. Und nur mal zum Vergleich: Unsere Inzidenzrate entspricht 308% der von Dublin, 819% der von Waterford. Und liegt im europäischen Vergleich recht solide an der Spitze.

Woran das nun liegen mag?

Ein Grund ist, mag man mutmaßen, die geographische Nähe zu Nordirland, wo laschere Bestimmungen gelten und die Durchseuchung grösser war als „im Süden“. Alter Schwede, gibt es denn da nicht die magische Herdenimmunität? Die hat ja jüngst die WHO zu einer illusorischen Problemlösung erklärt, und die scheint sich auch nicht zu bilden. Jedenfalls nicht, so lange man ihr nicht mit Impfstoffen nachhelfen kann. Und Donald mag in Sachen Immunität anders denken, ich halte mich lieber an Fakten, derzeit scheint ja sogar die erhoffte Immunität nach einer Infektion ein Trugschluss und Wunschdenken zu sein. Doch zurück an die Grenze: Der kleine Grenzverkehr, ob zum Einkaufen oder zur Party, lief eigentlich recht ungestört. Und so scheinen die Coronaviren dann fröhlich im Kreis der Freunde und Familie weitergetragen worden zu sein. Dazu kommt Maskenmüdigkeit (vor allem bei jüngeren Mitbürgern), eine zunehmend laxere Haltung zur Basishygiene, und das Wiederaufleben der gegenseitigen Besuche, um bei einer Tasse Tee in der überheizten, Wasserdampf-feuchten Küche ein halbes Stündchen den neuesten Klatsch auszutauschen.

Kurz und gut … eigentlich ist jeder einzelne Mensch mit seinem eigenen Verhalten verantwortlich zu machen. Außer, man sieht Covid-19 als Strafe Gottes für ein sündiges Leben, die Unmoral der modernen Zeit und so weiter. Nur, was bei der „Schwulenseuche“ AIDS noch klappte, das ist bei Covid-19 mangels einer genau definierten und ohnehin suspekten Randgruppe kaum machbar. Obwohl, ich gebe es zu: Je extrovertiert-hedonistischer der Lebensstil, desto grösser wird das Coronarisiko sicherlich sein. Wobei „extrovertiert-hedonistisch“ heute allerdings die große Hochzeit, das Prunkbegräbnis, die nachgeholte Erstkommunion mit der ganzen „extended family“ sind. Ein Besuch im Swingerclub ist fast sicherer.

Also neues Normal – bitte was?

Normal ist es jetzt, auf sich und seine Mitmenschen Rücksicht zu nehmen, etwas mehr Abstand zu halten, nicht alles begrabbeln (ich meine jetzt im Laden, nicht im gerade noch genannten Swingerclub, bitte), Maske zu tragen, Hände waschen, Vorsicht walten lassen. Und nicht, niemals, nach dem Motto „Ach, das merkt doch niemand und stört ja auch keinen!“ die Sause steigen zu lassen. Das wird doch, verdammt nochmal, zu schaffen sein?

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