Name ist Schall und Rauch

Dichterfürst Goethe hatte schon bemerkt, dass ein Name an sich wenig wert ist. Oder, wie Shakespeare anmerkte: Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften. Paraphrasiert – egal, unter welcher Marke der Klemmbaustein gehandelt wird, das Modell bleibt doch gleich. Oder auch nicht. Denn beim chinesischen Namenswirrwarr blickt niemand mehr so richtig durch. Weswegen ich auch in meinem kleinen Klemmbaustein-ABC diese Namen nicht mehr weiter liste.

Was ist da los im Reich der Mitte?

Es fiel mir beim Entpacken eines frisch aus China gelieferten Sets auf … das Teehaus von Xingbao war komplett, inklusive Figuren, aber die fette Bauanleitung hatte absolut keinen Hinweis auf die Marke Xingbao selber. Sieht man einmal von einem Aufkleber ab, der eine (wahrscheinlich absichtlich) freigelassene Stelle auf dem Titel zierte. Erinnerte mich an einen Fall, den Wolfgang Hermesmeier vor einiger Zeit schilderte: Dort war allerdings die Bauanleitung mit Hilfe eines Aufklebers von einem Hersteller auf den anderen geändert worden.

Ob JLB, ob Lago, egal mit welchem Logo … alles Klemmbausteine „Made in China“!

Jetzt erwachte in mir die Neugier … und sieh mal guck: Kaum eine der vielen chinesischen Bauanleitungen im Hause trägt auch nur den geringsten Hinweis auf den Hersteller. Wird die Ware dann, wie etwa bei AliExpress üblich, in Tiefkühlbeuteln ohne Umkarton geliefert, kann man fast nur noch mit detektivischem Spürsinn herausbekommen, unter welcher Firmierung das jetzt gerade laufen sollte. Zumal ja ein grosser Teil des Rohmaterials, also der Steine, wohl aus derselben Produktion kommt.

Einige Tage später die nächste Überraschung – bei BB Services hatte ich einige chinesische Sets aus Nanoblocks geordert, Hersteller laut Webseite YZ-Diamonds. Nicht die ersten Sets dieser Marke. So dass mir erstmal auffiel, dass das mir bekannte Firmenzeichen fehlte. Oder besser gesagt ersetzt wurde, nämlich durch das der mir bislang unbekannten Firma „XKS“. Gleich blieb das an Sprüche aus dem Glückskeks erinnernde Firmenmotto: „Small Blocks – Great Wisdom“.

Aber welche Weisheit von geradezu konfuzianischem Maßstab steckt dahinter, dass die sonst so auf Etikette bedachten Chinesen plötzlich jede Etikettierung vermeiden, Klebe-Etiketten einsetzen, oder gar eine Art Etikettenschwindel mit unvermittelt neuen Namen betreiben.

Ich denke, das hat ganz handfeste Gründe. Und zwar entweder juristischer oder wirtschaftlicher Art.

Zunächst mal die juristische Sache: Seit Lego dem Kopisten Lepin den Garaus gemacht hat, ist auch dem letzten chinesischen Manager klar geworden, dass man die Langnasen nicht ganz so einfach oder gar ungestraft an der Nase herumführen kann. Und dass auch Chinas Justizmühlen in solchen Sachen zwar langsam, aber gelegentlich auch sehr gründlich mahlen. Dass immer noch Lepin-„Restbestände“ gehandelt werden, unbenommen, aber so manche Zollbehörde hat den Namen schon ganz oben auf der Liste stehen.

Weswegen es offiziell gar kein Lepin mehr gibt. Es aber allen Interessierten bekannt ist, dass unter verschiedenen anderen Namen genau derselbe Rip-Off praktiziert wird. Wobei mich etwa überraschte, dass nach Augenschein auch die von mir bislang sehr positiv bewertete Firma Sembo nicht nur eigene Ware auf den Markt wirft, sondern eine wohl irgendwie verwandte oder verschwägerte Firma unter dem Namen „SY“ und mit leicht anderem Logo auch Lego-Raubkopien unter das Volk bringt. Und mit flinken Mittelsmännern bis nach Europa schafft. Natürlich sind Sembo und SY zwei verschiedene Firmen, wie es Xingbao und Lepin waren … auf den Webseiten einiger Anbieter sind sie aber als „Sembo/SY“ eine Kategorie.

Nun kann der Zoll etwa im Hamburger Hafen nicht jeden Container aufreißen, und dann die Paletten von Klemmbausteinen genau untersuchen. Es bleibt beim Drogenhund und bei Stichproben. Steht aber gross und breit „Lepin“ drauf, dann schwingt sich Kressins geistiger Nachfolger in Aktion. Und es gibt Ärger.

Wie kann man diesen Ärger am einfachsten vermeiden? Statt „Lepin“ steht einfach „Läppisch“ drauf … und für den Fall, dass morgen auch „Läppisch“ auf die schwarze Liste kommt, druckt man den Firmennamen schlicht nicht mehr mit. Verwendet Kleber. Und kann so beim kleinsten Warnsignal aus dem fernen Westen schnell wieder umfirmieren. Vielleicht auf „Lachhaft“. Der Vorteil: Die Produktion kann weiterlaufen, nur die Label-Kleber müssen andere Bäpperle verwenden.

Verschwörungstheorie oder Realität? Ich weiß es nicht, aber man macht sich ja so seine Gedanken. Wobei die Sache auch ganz anders liegen kann, und die Aktion gar nicht auf Ziele außerhalb Chinas ausgerichtet sein mag.

Ich konstruiere mal eine alternative Theorie: Das ganze Brimborium um die Firmennamen ist ein Plan zur „Steuervermeidung“.

Ganz praktisch geht das so (und ich habe das in Irland mehrfach „live“ gesehen): Man gründet eine Firma A, lässt die so lange laufen, wie man Subventionen und/oder Steuervorteile abgreifen kann (beziehungsweise bis die erste Steuererklärung fällig wird) und erklärt sich dann umgehend für zahlungsunfähig. Firma A wird abgewickelt, der Staat schreibt die Gelder ab, die Konkursmasse kauft Firma B für kleines Geld. Und führt, es muss doch irgendwie klappen, die Idee war ja nicht schlecht, das gleiche Geschäft unter neuem Namen weiter. Bis dann wieder Fristen ablaufen, auch Firma B in den Konkurs geht, der Staat wieder die Gelder abschreibt, und die Konkursmasse von Firma C für kleines Geld gekauft wird. Und so weiter … bis es jemandem auffällt, dass hinter den verschiedenen Firmen immer dieselben Personen stehen. Oder Strohmänner, die man im Notfall opfern kann.

Auch das … reine Spekulation, kein faktischer Hintergrund, nur das Gefühl, weswegen Firmennamen plötzlich so unwichtig erscheinen könnten, dass man sie partout nicht verewigen möchte.

Letztlich aber ist es auch egal, zumindest für den Endkunden … Dauergrantler mögen BB Services abmahnen wollen, weil statt YZ jetzt plötzlich XKS auf dem Karton steht, aber so lange wie der Inhalt identisch ist (und auch nicht als Raubkopie frech geklaut, wie bei Lepin) … ja, so lange ist es mir zumindest egal. Denn Name ist hier wirklich Schall und Rauch.

Verwirrend wird es nur, wenn unter drei bis vier Firmennamen plötzlich scheinbar identische Modelle auftauchen, sehr beliebt eben im Bereich der Raubkopisten. Aber das ist wirklich nicht mein Problem. Und wenn sich jemand dann aus Versehen mit einer relativ teuer gekauften, weil objektiv minderwertigen, Kopie selbst ins Knie schießt … mein Mitleid hält sich in Grenzen.

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