Migrant – jetzt mit E!

Die neue Normalität, also das Leben mit Covid-19, hat auch die Migranten eingeholt. Wie eine kalte Dusche. Denn das, was man für selbstverständlich ansah, das war plötzlich unerreichbar. Und für viele Menschen wurde aus „Migrant“ fast über Nacht „Emigrant“. Böses Erwachen. Aber warum eigentlich?

Als ich im letzten Jahrtausend rübermachte, also meinen festen Wohnsitz von Germanien nach Hibernia verlegte, hatte das vordringlich wirtschaftliche Gründe … nicht die viel beschworene Mystik der Grünen Insel, nicht die oft zitierte Liebe der Deutschen zu Irland. Nein, da war ein Job, eine Gelegenheit, und ich wagte den Sprung. Ohne Not, aber Jahrzehnte später auch ohne Reue. Und so weit weg war man ja auch nicht. Für mich war immer der Gedanke da, dass ich mit dem Auto, zwei Fähren, Red Bull und Scho-Ka-Kola die „alte Heimat“ im Notfall binnen 23 Stunden erreichen konnte. Getestet, ohne Raserei.

Schnell etwas vorspulen … kurz danach begann die rasende Expansion der Billigflieger, man konnte plötzlich binnen weniger Stunden „nach Hause“ fliegen, kostete ja auch nur einen Zehner pro Strecke. Ich kannte hier Leute, die man ernsthaft als Wochenendpendler bezeichnen konnte. Lag aber auch an der Demographie der Mitarbeiter in vielen Bereichen: Oftmals Singles, für die das Arbeiten in Irland mehr Feriencamp denn ernsthafter Karriere bedeutete, die ohnehin ohne die wöchentliche Dosis Stefan Raab und Muttis Küche versauert wären.

Einige Jahre später dann der Zuzug der EU-Bürger von jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die kamen oft mit Sack und Pack, Kind und Kegel, eine ganz neue Qualität von Migranten. Familien, die sich in Irland ernsthaft ein neues Leben aufbauen wollten. Oft (meist?) hoffnungslos überqualifiziert für die Jobs, die sie fanden. Aber auch gewillt, hier Wurzeln zu schlagen – zu sparen, sich ein Haus zu kaufen, sich zu integrieren. Naja, halbwegs … gelegentlich habe ich die Befürchtung, dass gerade die Polen ein wenig den Weg der Türken in Deutschland beschreiten, zu eng aufeinander, zu abgekapselt, gerade die erste Generation ohne jedes Interesse an vernünftigen Sprachkenntnissen, eigene Geschäfte, eigene (von der heimischen Regierung geförderte und deren Politik goutierende) Schulen, eigene Kirchen.

Egal jetzt … allen gemeinsam war irgendwo der Gedanke, dass man zwar einen gewissen Migrationshintergrund habe (also, politisch unkorrekt, ein Fremder sei), man sich aber nicht als Emigrant sah. Man war ja nur innerhalb Europas (der EU) umgezogen. Und der Heimat doch immer noch so nah, mit Satellitenfernsehen, Internet, Ryanair. Keine Feier „daheim“ ohne die Verwandten oder Freunde „aus Irland“. Und oftmals im Stil der Besuche damals bei der Familie in der Ostzone – protzen, dicke Mitbringsel, hinterher einen Monat Baked Beans on Toast.

Und dann … Covid-19!

Und heute die Nachricht, dass Polen nicht mehr auf der Grünen Liste (also „Einreise ohne Quarantäne“, definitiv nicht „Reisefreiheit“) steht. Deutschland zeitgleich auch nicht mehr, aber wen interessiert denn das, wenn Irlands grösste ethnische Minderheit gleich zum Interview für RTÉ bereitsteht …

Among those who have expressed disappointment about the new system are members of the Polish community here who last week were told they could travel to Poland but several days later were informed the country was being removed from the list. Krzysztof Kiedrowski of the Irish Polish Society said that people had been forced to change travel plans and cancel trips as a result of the shifting situation. He said that many people could not afford from a work perspective to restrict their movements for fourteen days after their return. He also said those with families and elderly parents in Poland were finding the restrictions difficult.

Ja, nun … stimmt ja alles, aber bis auf Ankommende aus Zypern, Lettland, Finnland und Liechtenstein (ja, im Ernst) gilt dies nunmal für den Rest der Welt. Für viele Menschen sogar noch mehr: Wie oft kann ein Brasilianer etwa von seinem Hungerlohn in einer irischen Fleischfabrik nach Hause fliegen? Oder eine Chinesin oder Koreanerin? Oder gar ein Iraner, der sich geoutet hat. Okay, da zumindest ist Polen ja derzeit dabei, den Anschluss zu finden …

Solche Beispiele einmal außer Acht gelassen: Was sich derzeit zeigt, dass ist die Erkenntnis, dass man eben nicht nur mal eben in der EU umgezogen ist, dass da zwei Meere oder ein mehrstündiger Flug involviert sind, über nur vermeintlich vergessen geglaubte Staatsgrenzen hinweg. Wartet mal auf den Brexit, Kinners … oder auf die Probleme, die auf manchen osteuropäischen Staat mit Rechtsdrall zukommen könnte, wenn es Flinten-Uschi zu viel wird. Das Leben in Irland, und auch in der EU, ist eben nicht nur Ponyhof mit süßen Welpen und Kätzchen. Und die an sich garantierte Reisefreiheit wird durch Covid-19 derzeit, hoffentlich nur zeitweise, eingefroren. Und wenn die Billigflieger den Bach runtergehen, oder die Preise anheben müssen, dann wird man auch Heulen und Zähneklappern der Migrantengemeinde wahrnehmen, schätze ich.

Oder schlicht die Erkenntnis, dass man nicht „nur Migrant“, nicht ein glorifizierter Wochenendpendler ist … sondern als Ausländer in Irland schon allein aus geographischer Sicht eben eher, mit E, Emigrant.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.