Mein kleines Brexit Deja-Vu

Vor einem Jahr genau bereisten wir (rein beruflich natürlich, Spaß kann man nicht beim Finanzamt geltend machen) Südengland, jetzt holen mich gerade die Erinnerungen wieder ein … denn Halloween naht! Und das Fest der wiederkehrenden Toten und bösen Ungeister bekommt ein ganz neues Geschmäckle. Wegen BoJo und seinen Kumpanen am Ruder der Nachbarinsel.

Wobei, am Ruder? Irgendwie dümpelt doch die britische Politik nach wie vor in etwa so zielgerecht dahin, als sei entweder niemand am Ruder, ein Dutzend wildgewordene Matrosen stritten sich um selbiges, oder der Steuermann wäre ein kurzsichtiger Debiler mit 5,1 Promille und dem Tatterich. Eine dieser Varianten muss stimmen, denn angesichts der Klippe „Brexit“ sollte man schon mal die Rettungsringe klar machen.

No Lifeline for the UK

Wie ich jetzt darauf komme? Naja, als wir letztes Jahr übersetzten, begannen schon kurz nach Liverpool große Leuchtwände an der Autobahn die unfrohe Botschaft zu verkünden: „Achtung, Lastverkehr – ab 1. November kann alles anders sein, bitte vorbereiten!“ Was den Stand des Brexit zu dem Moment eigentlich perfekt zusammenfasste. Denn außer dem äußerst passenden Termin zu Halloween war da immer nur von „möglichen Änderungen im Grenzverkehr“ die Rede, und auf die sollten sich etwa Fuhrunternehmer oder Firmen im Im- oder Export vorbereiten. Herself, mit Im- und Export wie auch den Details der Logistik beruflich Wange an Wange, fragte sich immer wieder: „Wie soll man sich auf etwas vorbereiten, zu dem es keine konkreten Daten außer einem Datum gibt?“ Denn ein „Hard Brexit“, wie er im Oktober 2019 bevorstand, war eine vollkommen unbekannte Größe. Für alle.

Aber dann warf BoJo den Rettungsanker, Brexit wurde erstmal abgeblasen, man wolle das alles noch einmal genauer durchsprechen und Klarheit schaffen.

Jetzt ist es zwölf Monate später und wieder, bildlich gesprochen, 5 vor 12. Nicht High Noon, sondern Darkest Midnight. Und im Prinzip war der Brexit-Aufschub so sinnlos wie Drei-Wetter-Taft in den Haaren des Premierministers, denn das verworrene Dickicht wurde weder gelichtet noch in vernünftige Formen gebracht. Im Gegenteil, manchmal kommt mir die Situation noch verfahrener als vor einem Jahr vor, BoJos Anwandlungen als Robin Hood („Dann brechen wir eben Recht!“) machen eine Einigung im gegenseitigen Einvernehmen in etwa so wahrscheinlich wie einen Regierungswechsel in Weißrussland. Obwohl, ich glaube selbst da stehen die Chancen besser, wenn sich beim Militär und den Sicherheitskräften eine Wandlung nach portugiesischem oder rumänischem Vorbild einstellen sollte.

Zugegeben, mittlerweile bin ich ja auch teilweise auf der Seite der Brexit-Befürworter. Zumindest in dem Punkt, dass ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende ist. Irgendwann muss die Musik aufhören, das Saallicht geht an, und der müde Kellner kommt nur noch zum Abkassieren. Die EU-Party ist im UK vorbei, de jure schon lange, de facto müssen nur noch Nägel mit Köpfen gemacht werden. Und wenn das Vereinigte Königreich, zumindest solange es noch besteht, daran nicht mitarbeiten will, dann bleiben die Nägel eben alle bei der EU. Sargnägel einer insgesamt erfolgreichen, wenn auch manchmal anstrengenden Kooperation. Sargnägel auch für ein Stückchen „europäische Idee“. Nur bin ich mir in einem sicher – die EU wird auch ohne das UK weiter gut in Fahrt bleiben. Umgekehrt bin ich mir da nicht ganz so sicher, um es mal positivistisch zu formulieren.

Interessant wird es allerdings für uns in Irland … denn plötzlich wird die bislang als „Landbridge“ bekannte Verbindung nach Kontinentaleuropa zu einer Art Danziger Korridor. Und unsere guten Einkaufsmöglichkeiten jenseits der Grenze werden problematischer. Wieviel Bier darf man dann noch zollfrei mitbringen?

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