Madeleines und Musik

Marcel Proust war es, der in seiner „Suche nach der verloren Zeit“ den Trigger-Effekt von sensorischen Impulsen perfekt beschrieb – bei ihm war es der Geruch frischer Madeleines, der ihn in die Vergangenheit katapultierte. Nun ja, rieche ich Madeleines, bekomme ich nur Hunger. Aber den Trigger-Effekt kenne ich. Vor allem bei Musik.

Hörst Du, sie spielen unser Lied …

Und weil es eine nicht enden wollende Mode ist, Listen von „meine 10“ auf Facebook zu schreiben und das dann als „Challenge“ zu sehen, habe ich mich zu einer solchen Liste im Blog entschlossen. Da wird sie wenigstens fertig, man vergisst nicht einen Tag, und Leute können sie auch später noch nachlesen. Hier also mal zehn Musikstücke, die mich immer und immer wieder an bestimmte Momente der Vergangenheit zurückführen.

Ben E. King – Stand By Me

Samstagsmorgenschicht 1998 bei D&S in Hamburg, noch ein wenig Outbound-Telemarketing … kleine Besatzung, kaum Bosse da, bei Erfüllung aller Vorgaben eine ruhige Angelegenheit. Irgendwann fange ich an mit einem sonoren „Du-du dumm dumm, du-du dumm dumm“ … Karima setzt irgendwann leise, aber textsicher ein, „When the night has come …“ Erste Strophe so durch, und der ganze Tisch stimmt ein „Darlin‘, DARLIN‘ …“ Trotz einer kleinen Beschwerde aus dem Inbound-Bereich um die Ecke einer der besten Momente, die ich je in einem Call Centre erleben konnte.

Nena – Wunder gescheh’n

Es ist der Morgen des 10. Novembers 1989, der Radiowecker reißt mich um drei Uhr nach einer kurzen Nacht (Weswegen wohl?) in Stuttgart aus dem Schlaf … schnell waschen, anziehen, ab ins Auto mit Kurs Südengland, wo ich einen Stand bei einer Ausstellung bemannen muss. Und während ich noch mit Morpheus ringe, vergewissert mir eine gesanglich nicht besonders begabte Frau, dass „Wunder gescheh’n“. Sie hat’s geseh’n. Mein einziger Gedanke: „Oh Gott, jetzt spielen Sie auch noch DDR-Musik im Nachtprogramm!“ Erst einige Tage später wurde mir mein Irrtum bewusst. Aber nur wenige Stunden später machte ich bei Köln fast einen Trabbi platt, der eine BRD-Autobahnauffahrt nach DDR-Verkehrsregeln nutzte …

Roxy Music – Oh Yeah

Langes Dienstwochenende in der Rettungswache Itzehoe, Sommer 1980, von Freitag 18 bis Montag 8 Uhr … und da es sonnig und warm ist, reichen wir die Sessel aus dem Fenster raus und machen es uns auf dem Rasen gemütlich. Und während ich so döse, legt irgendjemand im Schwesternwohnblock bei offenem Fenster Roxy Music auf, das Album „Flesh and Blood“. Und als der zweite Song leise an mein Ohr dringt, geht es mir so richtig gut … ich erinnere mich sogar, dass wir das ganze Album bis zum Ende genießen konnten, weil kein Einsatz kam.

U2 – With Or Without You

Christchurch (Dorset, UK) im Sommer 1987, ich vollkommen allein am Meer, auf einem Felsen hockend, Brandung und Gischt bewundernd … auf dem Walkman das Album „The Joshua Tree“ und dann eben dieser Song … passte wie die Faust auf’s Auge, zu meiner Gemütsverfassung und zu dem Moment. Lange Geschichte dahinter. Und wann immer ich das Lied danach hörte, sass ich wieder allein am Meer.

Bach-Gounod – Ave Maria

Dauergag in der Familie … wann auch immer dieses Lied erklang, wurde meine Mutter andächtig still und meinte am Ende nur: „Das soll auf meiner Trauerfeier gespielt werden!“ Was dann auch so kam. Und weswegen das Stück immer Erinnerungen an meine Mutter weckt. Inklusive des Kommentars: „Hörst Du dann eh nicht mehr!“ Skurril: Als ich einige Jahre nach ihrer Seebestattung durch Brügge ging, meine Mutter liebte diese belgische Stadt, erklang das Glockenspiel am Markt … und das prompt intonierte „Ave Maria“ ließ mich leise lächeln

Harry Belafonte – Banana Boat Song

Am 10. Oktober 1981 in Bonn … zum Hofgarten war kein Durchkommen, aber der Ton drang weit hinaus. Und plötzlich erscholl ein kräftiges „Day-O!“ Ich dachte, die wollen mich verarschen. Nein, es war Harry persönlich, der auch nur den Weltfrieden retten wollte. Und selbst bei „Beetlejuice“ muss ich darum immer an die Demo denken …

Dire Straits – Brothers In Arms

Wann immer dieser Song (meiner Meinung nach einer der besten von Dire Straits) anläuft, zappt es mich nach Miami – und zwar in die Episode „Out Where the Buses Don’t Run“ aus der bahnbrechenden Serie „Miami Vice“ (2. Staffel, 3. Episode). Die szenische Verwendung der Musik ist für mich einer der ganz großen TV-Momente aller Zeiten. Und egal wo ich bin oder was ich tue, höre ich die Anfangsakkorde, setze ich Crocketts stoischen Blick in die Unendlichkeit auf und fahre durch die Nacht. Geht nicht anders.

Clannad – Theme from „Harry’s Game“

Nein, keine Erinnerung an den Film (habe ich nie gesehen) … sondern an einen Moment beim International Air Tattoo in Fairford, Ende der 1980er. Angekündigt wurde eine Demonstration der Avro Vulcan, und es war nach zahlreichen Flugvorführungen plötzlich recht still. Über die Lautsprecheranlage erklang Clannad, und eine entspannte Atmosphäre machte sich breit. Langsam und majestätisch, ohne Geräusche, schwebte das riesige Delta von links ein, tief über der Landebahn. Und etwa auf der halben Länge drehte der Pilot nach Backbord ab, zog die Maschine hoch, und riss die Schubsteuerung bis zum Anschlag auf. Die Erde bebte, und von Clannad war nichts mehr zu hören. Was sage ich, einige Minuten war überhaupt wenig zu hören, so laut war die Maschine. Und wenn ich heute das hingehauchte „Fol lol the doh fol the day …“ höre, fliegt vor meinem geistigen Auge immer eine Vulcan vorbei.

Wagner – Steuermann lass die Wacht

Der Chor der Matrosen aus Richard Wagners „Der Fliegende Holländer“ bringt unwillkürlich Erinnerungen an meinen Vater mit sich. Denn der nervte uns jahrelang zu Weihnachten damit, dass man am Heiligabend doch „Gruß an Bord“ hören müsse. Und da war der Matrosenchor immer das Intro. Okay, es gab mal eine Zeit, als mein Onkel noch zur See fuhr, da machte es Sinn … aber mit den Jahren zehrte die nur von einer Person im Raum liebgewonnene Tradition an der Geduld. So dass selbst heute die Kette „Wagner – Weihnachten – Vaddern“ ungebrochen bleibt. Auch wenn das letzte Lied auf seiner Trauerfeier, nämlich das ungefragt vom Pianisten intonierte „La Paloma“, starke Konkurrenz macht …

Housemartins – Happy Hour

Und hier ein Beispiel für ganz Banales … ein Pub im Hafen von Weymouth, Sommer 1986, man zeigt auf Monitoren Musikvideos. Und alle gröhlen mit („In-Between Days“ war ein Favorit). Irgendwann kommen die Housemartins, und ganz am Ende des Liedes wird unten im Video der Albumname einblendet … „London 0 Hull 4„. Worauf ein Typ voll ausrastet und wissen will, von welchem Spiel genau das nun der Endstand war. Wir brauchten mit vereinter Überzeugungskraft zehn Minuten, um ihm beizubringen, dass das kein Fußballergebnis vom Tage war … und ich grinse heute noch, wenn ich den Song höre.

So, das war es erstmal … mal sehen, welche Liste ich demnächst abarbeiten könnte. Macht irgendwie Spaß.

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