Linien in der Landschaft – Watkins, Leys, und ich …

Neulich las ich mal wieder Will Kingdom … unter diesem Pseudonym hatte Phil Rickman Anfang des Jahrtausends eine neue Reihe von „Supernatural Thrillers“ gestartet, nicht umwerfend erfolgreich. Aber ich mochte die damals zwei Bücher. Und bei der erneuten Lektüre von „The Cold Calling“ (zwischen den epischen Werken des Jin Yong) war ich wieder von der Thematik „Leylinien“ fasziniert. Und dachte mir, ich könnte selbst einmal wieder nach Leys in meiner näheren Umgebung suchen. Bin ich doch ein verkappter New Ager?

Bitte was, höre ich den geneigten, aber verwirrten Leser fragen?

Leys sind, auf das Wesentliche reduziert, gerade Verbindungen zwischen Orten. Orten mit einer geographischen, historischen oder auch mythologischen Bedeutung, je nach Bewertung des Betrachters. Und eigentlich sind sie nur „Leys“ zu nennen, was den Wortteil „Linie“ schon in seiner Bedeutung trägt. Und, um ganz zu den Wurzeln zu gehen, in ihrer ursprünglichen Definition verbinden sie nur physisch fassbare, seit langem bestehende Orte: Uralte Monumente, natürliche Höhenzüge und Hügelkuppen, auch Furten etwa. So sah es jedenfalls der Amateurarchäologe Alfred Watkins (1855-1935), der die ersten Leys ab 1921 in seinen Büchern „Early British Trackways“ und „The Old Straight Track“ beschrieb. Keineswegs spannende Lektüre, warne ich gleich hier.

Der Name Ley und unser Konzept dieser Linien begannen mit Alfred Watkins, der auf älteren Schriften und bekannten astronomischen Ausrichtungen von Orten wie Stonehenge aufbaute. Seine eigene Such- und Sammelarbeit begann er nach dem Ersten Weltkrieg rund um Blackwardine in Herefordshire. Und aus ihr entwickelte er eine bestechend einfache Theorie.

Es begann mit einer Art „Offenbarung“ – bei Wanderungen und auf Karten sah er plötzlich Linien in der Landschaft. Nicht als optische Illusion, sondern als Interpretation von konkreten Beobachtungen. Anfangs war Watkins selber skeptisch, zweifelte vor allem an der Kartographie. Und da er noch nicht Google Maps hatte, zog er auf Schusters Rappen zu hochgelegenen Stellen und verglich die landschaftliche Realität mit der Landkarte. Wobei sich der theoretische Eindruck praktisch bestätigen ließ: Kreuzungen, Furten, Stehende Steine, Flurkreuze, Dämme, Hügelfestungen und alte Kirchen (die meisten davon auf Hügeln) schienen einen gangbaren Weg durch die Natur zu markieren.

Den Weg, die Linie, nannte Alfred Watkins dann „Ley“. Aus dem ganz prosaischen Grund, dass viele der Linien durch Orte gingen, die „ley“ (in verschiedenen Schreibweisen) im Namen trugen. Nach Watkins Theorie wurden diese Leys ursprünglich von „Dodmen“ angelegt, einer Art prähistorischer Landvermessergilde, um Reisenden den Weg durch die oft bewaldete, dann wieder sumpfige oder von nur stellenweise zu querenden Flüssen durchzogene Wildnis zu erleichtern. Dass auch moderne Straßen diesen Leys folgten, wertete er als Beweis.

Wohlgemerkt – Ley-Finder (oder Erfinder?) Alfred Watkins war kein Spökenkieker oder Früh-Hippie. Er sah diese Linien als „alten, geraden Weg“, als eine Art Wegenetz, mehr nicht. Und er redete auch nie von gigantischen Systemen von Newgrange via Köln nach Jerusalem … alle seine Beobachtungen machte er allein im Grenzland zwischen England und Wales.

Dennoch wollten sich „ernsthafte“ Archäologen und Historiker nie auf seine Ideen einlassen. Nicht, dass sie eine echte Gegentheorie oder gar einen Gegenbeweis hatten, nein, sie verwiesen schlicht darauf, dass in fast jeder Landschaft eine ungeheure Anzahl von möglicherweise „relevanten“ Orten zu finden ist, auf deren Basis man „Linien“ schnell aus dem Hut zaubern kann. Kurz und gut, alles Zufall. Den „Beweis“ lieferte dann Richard Atkinson mit seinen Telefon-Leys … er fand denselben alten, geraden Weg schlicht durch die Verbindung der auf den Karten vermerkten Telefonzellen, definitiv modernen Einrichtungen. Dass diese Vorgehensweise wertlos war, fiel den meisten Watkins-Kritikern nicht auf: Telefonzellen wurden im Allgemeinen an wichtigen Straßen errichtet, oft genug an Kreuzungen, oder in der Nähe des Ortszentrums, nahe der Kirche etwa. Da dies im Prinzip genau die alten Leys definierte, zum Teil auch diesen folgte, werden die Telefon-Leys zum Witz.

Wie auch immer … die an sich heimatkundliche Betrachtung des Alfred Watkins ist zur selben Zeit faszinierend wie auch frustrierend, ist niemals wirklich als falsch entlarvt worden, aber auch nicht definitiv bewiesen.

Einen Bärendienst allerdings erwiesen ihr die Epigonen … in akademischen Kreisen geriet der schrullige Grenzgänger recht schnell in Vergessenheit, aber mit dem Wassermannzeitalter erfuhr er in ganz anderen Gruppen eine Renaissance. 1969 schaffte es der nicht unumstrittene und gelegentlich überbewertete Esoteriker John Michell (1933-2009) gewissermaßen im Alleingang, Leys als Studienobjekt mit einer mystischen, dem New Age freundlichen Aura zu versehen. Dafür riss er die bodenständigen, letztlich provinziellen Theorien Alfred Watkins‘ an sich, gab ein gerüttelt Maß an chinesischem Feng Shui (so wie es im Westen „verstanden“ wird) dazu, und schuf eine spirituelle Ley-Theorie, auf der immer mehr Autoren von oft zweifelhaftem Durchblick und Talent aufbauen konnten. Leys, einst lokal, wurden global, zogen sich plötzlich über ganze Kontinente hinweg.

Was in der Regel zumindest als mystifizierende Komik durchgehen kann, selten als ernstzunehmende Theorie. Das beginnt oft ganz einfach mit den verwendeten Karten … die meisten „Forscher“ nehmen den Diercke-Schulatlas und gehen auf Entdeckungsreise mit dem Lineal und einem Bleistift, Punkt für Punkt. Wobei sie den ganzen Problembereich „Kartenprojektion“ ignorieren (oder wohl meist noch nie von ihm gehört haben), die Erde als zweidimensionales Gebilde anzusehen scheinen, und oft viele Kilometer danebenliegen … auf ihren Karten werden dann grob eingezeichnete „Punkte“ von der Größe eines Kleinstaats mit geraden Linien verbunden. „Auf Sicht“, also wie Watkins arbeitete, geht da gar nichts. Aber wenn man fest genug glaubt, und die Karte im geeigneten Maßstab wählt, dann klappt das irgendwie schon.

Bleibt die Frage … glaube ich wirklich daran?

Tja. Ich habe Watkins gelesen, und auch einiges von der Michell-Schule, und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass die ursprüngliche Theorie Sinn macht. Auch wenn sie nicht beweisbar ist, die Existenz der Dodmen vielleicht eine Phantasie darstellt, und das alles natürlich an die Frage von Huhn und Ei erinnert … wurde der Dolmen errichtet, weil da ein Weg war … oder wurde der Weg am Dolmen entlang geführt … und hat das Ganze eine „Bedeutung“, oder ist es nur eine nette Spielerei? Auf jeden Fall halte ich es für plausibel, auch wenn jetzt Archäologen aufstöhnen mögen (Historiker meist eher weniger).

Das mit den Drachenwegen, und Kraftlinien, und Leys von Kalkutta bis Kansas … ach ja, es mag ja mehr zwischen Himmel und Erde geben, als sich unsere Schulweisheit erträumt, aber irgendwo hat selbst meine Gutgläubigkeit Grenzen.

Auf jeden Fall hatte ich mich schon mal in Schleswig-Holstein an die Suche nach Leys gemacht. Und wurde sogar fündig. Wobei das nun eine interessante Art ist, der Heimat etwas näher, auch mal aus dem Haus zu kommen. Denn nur mit der Karte kann ja jeder, nach Watkins‘ Vorbild durch die Landschaft stapfen ist dann schon fruchtbarer.

Und es gab sogar Momente, an denen ich „Beweise“ fand … ein Ley etwa verband mehrere „alte Orte“ und lief schnurstracks durch ein massives Monument aus der Kaiserzeit. Nun kann man theoretisieren, dass irgendwelche Geomantie-Experten hier am Zuge waren, das riesige Steinding da eben auf einer „Kraftlinie“ platziert haben. Der breite, bequeme Pfad zur esoterischen Lösung steht offen, man muss ihn nur im Elfentanz hinunter taumeln. Damals leuchtete mir die Sache zumindest so ein, da wurde „altes Wissen“ verwendet.

Heute sehe ich das anders. Wirklich. Denn ich erfuhr mittlerweile, dass dieses relativ moderne Denkmal tatsächlich nicht zufällig dort platziert wurde. Nein, es wurde (welch Graus, welch Frevel) auf ein Jahrtausende altes „Hünengrab“ gestellt. Womit ein Ley nach Watkins‘ Theorie wieder wahrscheinlicher wurde.

Übrigens ein Ley identisch mit der besten Strecke zwischen zwei wichtigen Furten im Verlauf des Ochsenweges …