Jana aus Kassel und andere Knallchargen

Keine Frage, Jana aus Kassel hält sich für die Retterin des guten Deutschlands, ist sie doch „im Widerstand“, ansonsten aber eher auf Friede, Freude und Eierkuchen gepolt. Und sie hat eine Schwester im Geiste entdeckt: Sophie Scholl. Womit bewiesen scheint, dass sie auch einen Knall hat. Aber, und ich hänge mich jetzt mal etwas aus dem Fenster, nicht nur sie.

Da redet ja Jana ...

Zunächst einige Details zu Jana, die in den vergangenen Tagen als blondes Rauschgoldengelchen auf „Querdenker“-Demos auftrat und mehr oder minder unbeholfen redete. Also, sie kommt aus Kassel, sie ist 22 Jahre alt, ist wohl irgendwie in der „Heilpraktikerausbildung“, studiert ab nächstem Jahr Psychologie in Berlin, will dann Psychotherapeutin werden. Eine Expertin in Sachen Immunologie, Virologie und so weiter wurde sie, das entnehme ich ihren Reden, wohl hauptsächlich auf der Google-Universität, denn wirklich etwas faktisches zur Diskussion beitragen habe ich sie nicht hören.

Jana hat aber auch eine Vollklatsche … denn sie vergleicht sich gleich mal mit der „gleichaltrigen“ (und schon mit 21 hingerichteten) Sophie Scholl. Über sie ich hier wohl nichts sagen muss, ich gehe mal von einem Bildungsniveau „über Jana-Level“ beim geneigten Leser aus.

Nicht der einzige Vergleich von sich selbst im Vergleich mit der Nazizeit überhöhenden „Widerstandskämpfern“ aus der brodelnden Masse der Querdenker, Reichsbürger, Gesundbeter, Corona-Leugner, Neonazis, Esoterikexperten, christlichen Fundamentalisten und (die soll es wirklich darunter geben) tatsächlich besorgten Bürgern, die nur noch nicht gemerkt haben, mit wem sie sich da zum Gruppenfoto hinstellen. Schon vor Janas Rede-GAU und beeindruckendem Mic Drop meinte ja eine kleines Mädchen von der Bühne einer der Veranstaltungen … dass sie ihren Geburtstag wie Anne Frank feiern musste. Hallo, Anne Frank? Ja, das war doch diese Tagebuchschreiberin, die wegen ihrer Religion im KZ ermordet wurde? Klar, eindeutig eine Parallele zu einem Kindergeburtstag, den vernünftige Eltern ihrem Gör auch hätten anders gestalten können. Aber vernünftige Eltern schicken ihre Blagen auch nicht mit (meiner Meinung nach garantiert nicht auf eigenem Mist gewachsenen) Holocaust-Vergleichen auf das Rednerpodest.

Nun muss ich aber zugeben, dass früher nicht alles besser war. Im Gegenteil. Denn diese Eigenüberhöhung durch Gleichsetzung mit Nazi-Opfern kenne ich seit rund vierzig Jahren. Im Februar 1980 erschien in und um Itzehoe eine sich selbst „Weiße Rose“ nennende Gruppe, die dann auch mit „Flugblatt Nr. 7“ gleich in das Scholl’sche Erbe antreten wollte. Meine damalige Reaktion war irgendwo zwischen Belustigung und „die ham ne Klatsche“. Nicht, weil ich grundsätzlich andere Ziele hatte … nein, weil ich schon 1980, und nicht erst 2020, solche Vergleiche für Wahnvorstellungen hielt. Meine ehemalige Mitschülerin Elfi, die damals den „Sonnenladen“ gestartet hatte, mag mir diese deutlichen Worte verzeihen.

Wie auch immer: Wer sich im durchaus demokratischen Rechtsstaat ohne Not mit den Verfolgten, ja sogar mit den Todesopfern des nationalsozialistischen Terrorstaates gleichsetzt, der/die verdient allenfalls lautes Gelächter. Oder den Vogel gezeigt, wie es ja ein Ordner (oder Agent Provocateur, je nach Sichtweise) bei Janas erstem Redeversuch tat. Nur, eben diese Szene verdient auch unsere Beachtung. Denn sie zeigt auch den galoppierenden Irrsinn bei der Gegenseite.

Was bruddelt der Ordner da? „Verharmlosung des Holocaust … Verharmlosung des Holocaust!“ Und Jana beteuert (kurz vor dem Mic Drop), sie habe doch gar nichts gesagt.

Und da muss ich jetzt mal Jana zustimmen … sie hat zwar absoluten geistigen Dünnpfiff abgesondert, aber nur weil sie sich in ihrer Widerstands-Hybris als 22jährige ungefährdete Quasselstrippe mit einer 21jährig Hingerichteten vergleicht … hat sie nicht den Holocaust verharmlost. Sie hat zwar, sage ich mal salopp, auf das Angedenken an die „Weiße Rose“ geschissen, aber den Holocaust hat sie nicht einmal erwähnt. Eventuell sieht sie ja sogar die kommenden Impfungen als „neuen Holocaust“ und wäre damit auch wieder im Trend des Irrsinns. Also: Vor dem Auftritt des Ordners kann man den Hut ziehen, vor seinem Scheinargument „Leugnung des Holocaust“ muss man dann doch wieder kopfschüttelnd verzweifeln. Ungefähr dieselbe Geschichtsfestigkeit wie Jana. Oder derselbe Intelligenzmangel, der manche Linke die Gegenseite immer sofort als „Faschisten“ einstufen lässt. Oder so.

Der Ordner wurde nach auffälliger Ablegung seines Amtes von der Polizei abgeführt, stattdessen hätten die Beamten die Holocaust-Leugnerin und Volksverhetzerin Jana inhaftieren sollen. Und zwar subito!

So jedenfalls die Reaktion vieler Menschen in den sozialen Medien … auch wieder ein Zeichen für Aufmerksamkeitsdefizit und Realitätsverlust. Denn die vier Polizisten in martialischer Montur führten niemanden ab, die sanft auf den Rücken des Un-Ordners gelegte Hand dürfte nicht als „Zwangsmaßnahme“ qualifizieren, und letztlich machten die Beamten nur das, was auch ihre Aufgabe in einer Demokratie ist: Das Rederecht Janas schützen, indem sie einen Kontrahenten zumindest außer physischer Angriffsweite wies. Kann ich jetzt wirklich nichts bemerkenswertes dran erkennen … das Eingreifen der Bundestagspolizei bei den durchgeknallten AfD-Gästen im Reichstagsgebäude war (ausserhalb des dumpfen Sumpfes) ja auch nicht kritisiert worden.

Und Jana verhaften? Jetzt mal ehrlich: Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen, gibt es auch kein Gesetz, und eine Straftat hat sie wohl objektiv nicht begangen. Also lasst sie doch Dummschwätzen, denn zuhören tun ohnehin nur die, die genau das hören wollen, was sie in Appetithäppchen verteilt.

Bedenklicher finde ich da die Eltern, die ihr Kind als „neue Anne Frank“ instrumentalisieren.

5 Gedanken zu „Jana aus Kassel und andere Knallchargen

  • 24. November 2020 um 11:25
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    Tritt zu 100% meine Gedanken inkl. dem sachlich falschen Vorwurfs der Holocaustleugnung, was aber als Buzzword zumindest für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Hätte der Ordner nur gesagt “Du redest Unsinn”, dann hätte dem Auftritt etwas die Dramatik gefehlt.

  • 24. November 2020 um 12:24
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    Zu schade, dass Dummheit und das Rumproleten offensichtlichen Schwachsinns nicht strafbar sind. Eine Nacht auf der Wache oder in der Zelle haette Madame Goldlocke vielleicht etwas zum Nachdenken gebracht – wobei, vielleicht auch nicht, denn Nachdenken setzt ja wieder ein gewisses Mass an Intelligenz voraus.

    Spaetestens nach dem Wort „Heilpraktikerausbildung“ ist ja einiges klar. Wer nichts wird, wird Wirt war gestern. Heute wird gefuehlt jeder 2. Heilpraktiker und macht dann „Antlitzanalyse“… Da kann man dann sogar gegen Bezahlung totalen Humbug, Vermutungen und grob falsche Aussagen kundtun. Das ist dann das Paradies fuer jeden Querdenker.

  • 24. November 2020 um 12:30
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    Ach, Stefan, da man als Heilpraktiker ja in der Prüfung im Prinzip nur nachweisen muss, dass man dem Patienten zumindest nicht absichtlich physischen Schaden zufügen will … gibt da sicher auch brauchbare, aber wie finden?

  • 24. November 2020 um 13:00
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    Am anderen Orte gab es ja Kommentare, die in die Richtung gingen, dass das Internet, das jedem Deppen theoretisch unendliche Reicheweite bringt, die Ursache allen Übels wäre. Ich glaube, dass sich Geschichte wiederholt bzw. ein schon einmal dagewesener Prozess sich nur evolutionär durchsetzt. Die Erfindung des Buchdrucks nahm den Kirchen die Hoheit über die Wahrheit. Zuvor galt nur als richtig und wichtig, was in Klosterbibliotheken mühsam durch Abschreiben vervielfältigt wurde.
    Seine Meinungen zu verbreiten, war aber auch damals immer noch recht teuer. Sich eine Prachtbibel fertigen zu lassen, hat so viel gekostet wie ein Mittelklasse-Haus. Mit jedem technischen Fortschritt wurde es mehr und mehr Menschen möglich, Meinungen und Lehren zu verbreiten resp. gedruckt zu erwerben. Heute betrachtet man das als Demokratisierung und lobt es, verkennt aber dabei, dass die Entwicklung ihren Abschluss noch nicht gefunden hat. Printing-on-Demand und Self-publishing beseitigte weitere Hürden. Man braucht keine Verleger, keinen Lektor, keinen Redakteur mehr, und das Internet ermöglicht es jedem Vollhorst, der keine Anekdote in der Bäckerblume untergebracht hätte, jeden Quatsch zu erzählen, an den er/sie glaubt. Ich finde das im Grundsatz auch in Ordnung. Das wieder einfangen zu wollen, ist sowieso aussichtslos.
    Problematisch ist die auf allen Ebenen mangelnde Kompetenz, damit angemessen umzugehen. Man muss natürlich Fähigkeiten entwickeln, Glaubwürdiges und Vertrauenswertes von Hirnschwippsen zu unterscheiden. Und auch die Presse und andere Medien müssen ihre eigene Verantwortung erkennen und lernen, bei welchem Quatsch sie einfach mal nicht hinsehen. Reichweite haben all die Verschwörungs-Heinis doch nur, weil sie in der Berichterstattung vorkommen.
    Im Londoner Hyde Park gibt es eine wunderbare Einrichtung: Speakers Corner. Dann sich jeder Spinner auf eine Orangenkiste stellen und in die Massen salbadern – zu jedem beliebigen Thema (die königliche Familie mal ausgenommen). Das gibt’s seit 1872. Und was da passiert, interessiert die Berichterstattung einen feuchten Furz. Und genau so müssten Presse und Medien mit Internetforen und privaten Blogs umgehen: Es sollte sie interessieren wie der ’sweat on dead man’s balls‘.

  • 24. November 2020 um 15:12
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    Die Presse ist aber in einer anderen Zwickmühle gelandet, Wolfgang – früher hieß es ja noch „all the news fit to print“, impliziert doppeldeutig auf den Raum und den Inhalt bezogen, und natürlich auf den Publikationsrhythmus. Heute muss die Nachricht binnen Sekunden online stehen, man hängt sonst hinterher, man muss ständig neue Nachrichten nachlegen (und kratzt dann eben irgendwann zwangsläufig am Bodensatz), und wenn Publikationen A und B das neue Dschungelcamp für wichtig erklären, dann können auch Y und Z nicht hinten anstehen. Die Zeiten, in denen der gut recherchierte und oftmals exzellent geschriebene „Spiegel“ am Montag ein Lesefest war … lange vorbei, der SpOn etwa muss bei Nannen zu subterraner Rotation führen, denn von BuzzFeed oder GMX unterscheidet er sich nur noch selten.

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