Irische Zeitzeichen – Raffzahn und Sparwut

Derzeit arbeite ich mal wieder an der Neuauflage eines Reiseführers für die Grüne Insel – der DuMont Direkt Irland ist, dem Abwärtstrend in Zeiten von Covid-19 zum Trotze, fällig. Was an sich ja ein gutes Zeichen ist. Nur: Recherche in Pandemiezeiten ist anstrengend und unsicher. Und der Vergleich zur noch aktuellen Auflage lässt einen Trend erkennen, der mir letztes Jahr schon bei einem anderen Band auffiel – „Rip-Off Ireland“ scheint wiederbelebt zu sein. Und so wird gleichzeitig an der Preisschraube gedreht und gespart.

Thema Preisschraube: Viele, viel zu viele Attraktionen haben anscheinend turnusmäßig die Gelegenheit ergriffen, dem Besucher noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Heritage Ireland etwa, immerhin quasi eine staatliche Behörde, hat die mittlere Preiskategorie von vier Euro auf fünf geschubst, satte 20% macht die Erhöhung damit aus. Wo ich mich automatisch frage, wie sich dies mit den keineswegs so schnell angestiegenen Kosten im Lande deckt. Denn ein Mehrwert wird dem Kunden durchweg nicht geboten, im Gegenteil, manche Schautafeln vermodern zusehends, und selbst die Bausubstanz leidet manchmal offensichtlich.

Quo vadis, Hibernia?

Wobei denn die Wächter des nationalen Erbes keineswegs die frechsten Preistreiber sind … eine Kathedrale etwa hat den Obolus für Unfromme (also Touristen statt Schäfchen) schnell mal von zwei Euro auf fünf hochgesetzt. Um Gottes Villen!

Jetzt argumentieren viele Leute mit dem Coronavirus und verbesserten Schutzmaßnahmen, die müssten ja auch bezahlt werden. Stimmt schon – unser Friseur am Ort nimmt jetzt etwas mehr, weil er täglich weniger Kunden bedienen kann, und mehr Ausgaben hat. Sehe ich ein. Aber der hat damit angefangen, nachdem er seinen Minisalon nach dem Lockdown wieder geöffnet hatte. Die touristischen Preiserhöhungen waren durchweg schon am Start, als die Pandemie noch ein lokales Ereignis in Wuhan war.

Wobei natürlich Covid-19 einen Einfluss auf die Touristik hat – weniger Besuchern wird durchweg weniger Leistung geboten. Bei manchmal ganz frech gleichbleibenden Preisen und mit der Ausrede, man müsse ja ums Überleben kämpfen. Was bei manchen kleinen Angeboten stimmen mag, manchmal aber doch hohl klingt.

Und dann gibt es noch diese Sparmaßnahmen und kurzsichtigen Entscheidungen im Netz.

Welcher hirnlose Berater in Sachen „Internetauftritt“ hat eigentlich den Trend gestartet, fast jährlich (nämlich nach Auslaufen des Lockangebots für die TLD) die Webadresse zu ändern? Das zieht sich langsam wirklich nervig durch alle Bereiche – 2018 tritt man als XYZ.com and, 2019 als XYZ.ie, 2020 dann wieder als XYZ.info, 2021 wahrscheinlich als XYZ.eu oder so. Wobei die alte Domain dann meist verfällt, nicht einmal mit einer Umleitung auf die neue verweist (was ja Geld kostet, und gar dem Kunden nützen könnte). Und so kommt es, dass man bei Aufruf der Webseite von gestern heute eben entweder eine Anzeige „Domain zu verkaufen“ sieht, eine bunte chinesische Webseite, oder gleich eine Auswahl von Pornoanbietern. Die Webseiten nicht eingerechnet, die mein Virenschutz schon beim Aufruf abschießt.

Meine These: Hier regiert der Sparfimmel! Kostet .com etwa 24 € im Jahr, ist .info nunmal für schmale 12 € zu bekommen. Zwölf Euro gespart! Die man dann oft gleich in den Sand setzt, wenn auch nur ein verärgerter Kunde wegen nicht erreichbarer Webseite keine Buchung vornimmt. Noch schlimmer die .ie-Domain, die ja als „besonders sicher“ gilt (ein Gerücht, das nur Leute schlucken, die vom Interne eigentlich keine Ahnung haben). Wie auch immer … findige Webfirmen bieten ihren Kunden gerne Lockangebote an, in denen die .ie-Adresse irgendwie pauschal eingerechnet ist. Die jährliche Gebühr im nächsten Abrechnungszeitraum ist dann die kalte Dusche. 149 € gilt da schon als Schnäppchen. Und, pikant, ein einfacher Umzug zu einem billigeren Provider wird oft per AGB ausgeschlossen. Klar, dass man dann schnell kündigt.

Auf der anderen Seite bin ich dann aber auch immer wieder erstaunt, wie viele echte Billigheimer sich heute noch mit kryptischen Webadressen aus einer Zeit durchschlagen, in der CompuServe noch „cutting edge“ war. Typ „www.yourprov.net/customer/webpage/trzlbrft-192/“ … das gibt doch keine Sau ein. Aber, immerhin, man bleibt sich und seinem (oft mit AniGIFs und blinkender, bunter Schrift so richtig das Feeling von 1995 rüberbringenden) Internetauftritt treu.

Und nur zur Ehrenrettung der irischen Tourismusindustrie sei gesagt, dass einige Anbieter derzeit auch echte Schnäppchenpreise bieten. Was den Staycationer freuen mag, Den recherchierenden Reisebuchautor aber ach nicht weiterbringt. Und mich manchmal eher befürchten lässt, dass sich diese Wohltäter der (weitgehend irischen) Menschheit die Verluste dann wieder reinholen, wenn man den irgendwann erneut strömenden irgendwie irischstämmigen US-Bürgern und innerlich voll irischen Fan-Germanen das Geld besser aus der Tasche ziehen kann.

Warten wir es ab …

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