Hunters – mit Al Pacino auf verwirrender Wolfsjagd

Gleich vorweg: Bevor Menschen sich echauffieren, sollten sie die Serie bis zum Ende ansehen. Denn eine Vorverurteilung nur wegen des Aufgreifens eines Tabuthemas in recht eigenwilliger Art hat „Hunters“ wahrlich nicht verdient. So mein Urteil nach zehn Folgen, einigen am Ende noch offenen Fragen, und etwas Nachdenken. Keine Angst, ich werde versuchen, hier keine Spoiler einzubauen … aber erst einmal erklären, worum es bei der zweifelsohne eigenwilligen (und gewöhnungsbedürftigen) Amazon-Produktion geht.

„Hunters“ ist gewissermaßen „Akte Odessa – 2. Teil“, wenn Quentin Tarantino sein Händchen angelegt hätte. Oder so. Der Plot ist einfach, eine Gruppe von Aussenseitern wird durch einen extrem wohlhabenden Holocaust-Überlebenden zum Vigilantentum angestachelt, nimmt Rache an den Tätern. Und stolpert dabei über (anno 1977, dem Jahr der Serienhandlung) so gut wie unbekannte Fakten wie die „Operation Paperclip“, sowie eine fiktive Verschwörung zum „Vierten Reich“, angeführt von einer enigmatischen „Frau Oberst“. Das Ganze ist mit surrealen Elementen versehen (die Quizshow „Warum hassen alle die Juden?“ ist erschreckend eindringlich), strotzt vor teils hyperstilisierter Gewalt, hat aber auch stille, besinnlich Passagen. Diesen Mix muss man als Zuschauer erst einmal verkraften. Ebenso wie das Faktum, dass die zwei einzigen Nacktszenen (die den ersten Episoden das Zertifikat „18+“ einbrachten) nicht wirklich erotisch sind. „Kill Bill“ trifft auf „Das Wiegenlied vom Totschlag“. Und ja, einige der Exzesse der Nazis sind wohl erfunden …

… wobei ich mich darüber nicht aufregen kann, ob nun das Schachspiel, Offermanns persönliches Todesspiel, oder auch die Episode mit (sozusagen) „Buchenwald sucht den Superstar“, mindestens zwei scheinen reine Fiktion zu sein. Wobei die Frage aber nicht sein sollte „Haben die Nazis das wirklich getan?“, sondern eher „Sind Menschen in der Lage, das zu tun?“ Erstere Antwort „vielleicht nicht“, letztere Antwort „bestimmt“. Allein schon die multikulturelle, multiethnische Zusammensetzung der Hunters weist ja darauf hin, dass die Nazis auf einem gewissen Level nur ein Beispiel aus der Geschichte sind.

Und ob diese fiktionalen Elemente nun den Holocaust relativieren helfen? Angesichts der blühenden Holocaust-Industrie mit teils vollkommen fiktiven „Memoiren“ sicherlich eine (wenn auch kleine) Gefahr, dass Revisionisten alles als „erfunden“ darstellen. Aber das tun sie ohnehin. Und Roberto Benigni (kein Jude) kassierte für die Phantasie „Das Leben ist schön“ auch Oscars. Jerry Lewis (Jude) zog seinen ähnlichen Film „Le jour où le clown pleura“ vor der Fertigstellung zurück. Und Mel Brooks (auch Jude) zog zwar die Nazis in „The Producers“ (indirekt) und „To Be or Not to Be“ (direkt) kräftig durch den Kakao, verwahrte sich aber gegen Benignis Darstellung der Geschichte. Über den Jungen im gestreiften Pyjama will ich jetzt gar nicht erst reden. Und so weiter.

Apropos Benigni – niemand fand damals etwas merkwürdig daran, einen nicht-jüdischen Schauspieler für seinen Darstellung eines Juden mit dem Oscar zu krönen. Heute sind wir „woke“, und einer der wesentlichen Kritikpunkte an „Hunters“ war auch, dass Al Pacino nunmal kein Jude sei. Abgesehen davon, dass wohl allein Saul Rubinek wirklich politisch korrekt in seiner Rolle war (er wurde als Kind jüdischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Bayern geboren), und dass Pacino schon für seinen Shylock hohes Lob kassierte … naja, ohne jetzt einen Spoiler einzubauen, sage ich nur, dass Pacino die Rolle des Holocaust-Überlebenden sehr glaubhaft darstellt und wirklich die wahrscheinlich perfekte Besetzung war.

Kaum aufzufallen scheinen dagegen den meisten Kritikern andere Aspekte der Serie, die sie mehr in die Richtung einer Fabel oder Allegorie schieben, die zum Teil nicht einmal dramaturgisch Sinn ergeben. Ich nenne jetzt nur mal (bitte selber ansehen, Erklärungen wären Spoiler) das überkomplizierte Kommunikationssystem der Nazis, die fast babylonische Sprachverwirrung bei zwei Hauptpersonen, die Ermordung eines bekannten Nazis, den großen Blackout und, ganz wichtig, eine irrsinnige Altersangabe. Die Markierungen eines Krankenwagens fallen nur Nerds wie mir auf, zugegeben. Andererseits mal ein Lob dafür, dass die „Engel in Grün“, die in das Vernichtungslager einmarschierenden Befreier, nicht als Westalliierte dargestellt wurden, sondern ausdrücklich die Rote Armee genannt wird. In den Produktionen gerade des US-Hurra-Patriotismus („U-571“ als gutes Beispiel) nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Und: Unter den Insassen von Auschwitz finden sich auch Nicht-Juden, historisch korrekt.

Wobei die Verwendung/Darstellung historischer Personen in „Hunters“ ungleichmäßig gehandhabt wird – Mengele und Eichmann werden nur am Rande erwähnt, Jimmy Carter, Simon Wiesenthal und Wernher von Braun treten als handelnde Personen auf, aber Leni Riefenstahl wird nur verschlüsselt gezeigt (hätte man sicher auch anders hinbekommen). Allerdings werden auch zwei sehr prominente Altnazis nur angedeutet, was zum Surrealismus der Serie durchaus beiträgt. Und die gejagten sowie getöteten Nazis, von irgendwelchen nur im Hintergrund angedeuteten Figuren bis hin zum zentralen „Wolf“ (KZ-Arzt Wilhelm Zuchs) sind ohnehin fiktiv (mit einer wirklich prominenten Ausnahme).

Was also mit „Hunters“ tun? Genuss oder Giftschrank?

Wie gesagt, stellenweise erinnert die Machart stark an Tarantino, und niemand wird in der Serie eine Dokumentation vermuten. Andererseits regt man so vielleicht auch zum Nachdenken an – sei es über die wahre Geschichte, sei es über Moralfragen (die Enttarnung des Wolfs zum Ende der Serie hin ist ein exzellentes Beispiel für einen Filmmoment, den man mit Popcorn vorbeirieseln lassen kann, oder über den man lange sinnieren muss). Filmfreunde müssen die allgemeine Popkultur lieben (und mehrfache, teils indirekte Anspielungen auf den Schauspieler Al Pacino), Historiker werden mit einigen Dingen hadern (tue ich ja auch), Zeitzeugen werden die „Rückblenden“ teilweise sicherlich schwer im Magen liegen.

Holocaust-Leugnung wird jedoch nie betrieben, auch wenn das von einigen Kritikern als „Gefahr“ genannt wird – die sechs Millionen stehen wiederholt als unumstößliche Zahl da, niemand wird nach den Filmen mit den Nazis sympathisieren wollen, und selbst fiktive Details können von der eindeutigen Botschaft nicht wirklich ablenken. Ausser, der Betrachter hat schon vorher eine vorgefasste Meinung zum Thema und damit einen an der Waffel.

Ich empfehle: „Ansehen, durchhalten, selbst eine Meinung bilden!“ Wer will schon den Moment verpassen, in dem eine katholische Nonne in Stöckelschuhen die Knarre zieht und „Shalom, Motherf***er!“ ruft?