Dublin, ungeschminkt und allein am Morgen

Die alte Gangsterbraut hat es mir noch nie leicht gemacht … ich liebe sie nicht, aber ich habe auch nicht die Abneigung der Kerry-Heile-Welt-Touristen gegen sie; ich kann sie in homöopathischen Dosen genießen, aber meinen Wohnort verlegte ich schon fast unmittelbar nach Ankunft in die Vorstädte; ich kenne auch ihre schönen Seiten, aber die reißen es derzeit auch nicht heraus. Dublin, quo vadis?

Dieser Tage musste ich in die irische Hauptstadt, es ging nicht anders, und direkt ins Zentrum, auch in das ach-so-lebendige Herz Temple Bar. Und was soll ich sagen? Ich war froh, nach weniger als zwei Stunden wieder rauszukommen. Nicht, dass ich den überkandidelten, vermeintlich post-pandemischen und vielleicht nur prä-pandemischen Wochenendtrubel mitbekommen hätte. Nicht, dass ich von den Dank Schulschluss ziellos herumstreunenden Pestratten (i.e. verwilderte Jugendliche) überrannt wurde. Nicht, dass mir irgendetwas negatives direkt widerfahren sei. Nein, nach vielen durch Covid-19 geprägten Monaten war ich, relativ frisch immunisiert, einfach zu Fuss nördlich und südlich der Liffey unterwegs, erlebte Dublin wie eine zufällige Kneipenbekanntschaft am Morgen danach. Ungeschmückt, ungeschminkt, und recht verloren allein dastehend.

Auch wenn die Belebung der Innenstadt, also Dublin 1 und Dublin 2, langsam wieder in Gang kommt, irgendwie hat die einstige Partymeile Europas heute definitiv einen Hauch postapokalyptischer Kulisse an sich. Das beginnt allein schon mit den kreischend bunten Läden, die früher (also vor nicht einmal achtzehn Monaten noch) die Jugend der Welt und gutgläubige Culchies anlocken sollten, heute aber wie Monumente ihrer eigenen Vergänglichkeit dastehen. Ozymandias, pretty in pink. Oder, eben ohne Trubel drumherum, ohne aus den offenen Türen schallende Beats, nur noch pink, keineswegs mehr pretty. Und es ist nicht zu erraten, ob der Laden später, an anderen Tagen, oder überhaupt noch einmal öffnen wird.

Temple Bar Redux – ohne die „Vibes“, ohne das Partyvolk, eben dann doch nur eine Mausefalle des schnellen Kommerz, eine Ansammlung bröckelnder Fassaden mit im harschen Tageslicht verzweifelt wirkenden Farbklecksen. Und ohne jeden Hauch von Kunst und Kultur, die man hier ja angeblich auf der irischen Rive Gauche (also dem legendären „Linken Ufer“, Paris‘ altem Künstlerviertel) finden soll. Wobei diese Benennung ja schon von Anfang an Schwachsinn war … irgendwer muss das linke Seine-Ufer mit dem südlichen Seine-Ufer verwechselt haben, als er (oder sie, ich weiß es nicht) den Begriff unbedingt für das Temple-Bar-Marketing verwenden wollte, denn die geilen Meilen Dublins liegen nun mal auf der Rive Droite, am rechten Liffey-Ufer.

Dennoch finden sich die Spuren der Party-Szene, die schon im Lockdown sich wieder hier etablieren wollte. Und, ja, die Massnahmen zur Luftreinhaltung, die Verkehrsberuhigung in der Innenstadt, sie mögen auch einen Anteil haben … erinnern Sie sich noch an den Beginn des Rauchverbots, als der ganze Pub plötzlich deutlich nach Klo roch? Allein der Duft, der einen umgibt, wenn man durch das Amüsierviertel eilt (und man eilt wirklich, wenn man nicht Dank Covid-19 oder Heuschnupfen keinen Geruchssinn mehr hat). Ein Duft von menschlichen Ausdünstungen und Körperflüssigkeiten, von verschüttetem Bier, von Erbrochenem und Fäkalien, tief eingezogen in das holprige Kopfsteinpflaster, derzeit nicht übertönt durch Zigarettenqualm und Vapingwolken, allenfalls etwas nivelliert durch billige Reinigungsmittel, mit denen man wenigstens etwas Hygiene erzeugen will. Ein Gestank, den ich noch von der alten Reeperbahn kenne, der einem aus den Peepshows, den Pornokinos und den billigsten Bumsläden in die Nase zog. Der Ruch der Halbwelt. Das Miasma der Vernachlässigung und Hoffnungslosigkeit. Und der vorherrschende olfaktorische Eindruck, den Temple Bar aktuell bei mir hinterließ … während ich fast allein durcheilte. Keine Sorge, für den Rückweg wählte ich einen anderen, die Nase weniger belastenden Kurs.

Dazu dann der optische Eindruck selbst nach der morgendlichen Putzkolonne … sonst geprägt von Glasscherben, Kronkorken und Pavement Pizzas … heute stark belastet durch kleine silbrige Ampullen, die sich in den Ritzen des Pflasters festsetzen.

Der deutliche Hinweis auf die neuesten Partydrogen … Distickstoffmonoxid, Vulgärname Lachgas, gewissermaßen das LSD des kleinen Mannes, einen blitzschnellen Lachflash und eine andere Realitätswahrnehmung per Inhalation erzeugend. Und, da kommen wir zu den Alu-Kartuschen, vollkommen legal erhältlich. Denn das Zeug ist als Lebensmittelzusatzstoff (unter dem Decknamen E 942) zugelassen. Gedacht sind die kleinen Druckbehälter für Instant-Schlagsahne, mit Hilfe von Distickstoffmonoxid wird diese aus dem Rohstoff umgehend (aber keineswegs dauerhaft) aufgeschäumt. Die Krone des Billig-Cappucino. Und man mag gar nicht glauben, wie viele angebliche Barista es in Dublin gibt … mit den billig im Großhandel zu erwerbenden Lachgaspatronen lässt sich bei jeder Party ein satter Reibach machen. Dass dabei gelegentlich Leute wegen Sauerstoffmangel direkt über den Jordan gehen, wen juckt es schon. Die Stadtreinigung wird die Reste aller Art schon entsorgen.

Und Street Art? Nach wie vor schnellstens von irgendwelchen Vollpfosten geschändet, denen der eigene, hingeschmierte „tag“ wesentlich wichtiger als das Kunstwerk anderer Leute oder die Ästhetik überhaupt ist.

Nach dem Geruch zur urteilen, wird hier übrigens nicht nur getagged, sondern das Revier sicherheitshalber auch noch einmal auf Hundeart markiert … von den versprochenen neuen öffentlichen Toiletten (also Dixie-Klos) sah ich keine während meiner kurzen Dublin-Odyssee.

Da wird dann das zwangsverordnete Al-Fresco-Café-Erlebnis („Drinnen keine Kännchen und keine Sitzplätze!“) auch nicht besser. Und überhaupt – ich hatte ja das Glück, im Sonnenschein unterwegs zu sein, und konnte in der Grafton Street beim McD wenigstens einen kurzen Pitstop einlegen … wer aber meint, dass Freiluftgastronomie in Irland irgendetwas retten wird, der hat wirklich das Label „Berufsoptimist“ verdient. Immerhin, der Weg durch Mick Wallaces „Italian Quarter“ (eine enge Gasse nördlich der Millennium Bridge) ähnelt jetzt einem knapp bemessenen Slalom, denn links und rechts drängen die Sitzecken der dortigen Restaurationsbetriebe in den öffentlichen Raum. Auch mitten unter der Woche wohlbesucht, überteuerte Preise und die letztlich doch enge Stapelung von fremden Leuten scheint niemand mehr abzuschrecken.

Doch zurück zur Grafton Street, die weder einen regen Lieferverkehr (früher üblich), noch Straßenhändler (ebenfalls früher üblich), noch eilende oder bummelnde Menschen in grosser Zahl (auch früher üblich), noch Straßenkünstler (ja, die waren mal gleichfalls üblich, klar) aufwies. Und damit heute ihren echten Charakter zeigt … als weitgehend gesichtslose, letztlich langweile Fußgängerzone voll mit Ketten-Shops, die man landauf, landab, auf nahezu allen Kontinenten findet. Für die einzige, auch für mich überraschende, Abwechslung sorgen die Obdachlosen, die aus ihren Zelten lugen. In Pandemiezeiten haben sich ganze Zeltlager vor einigen Läden gebildet. Mit fehlenden Sitzmöglichkeiten und anderen nicht vorhandenen Anreizen gepaart ein Grund mehr, warum die Grafton Street derzeit wahrlich nicht zum Verweilen einlädt.

Ein Geschäftsinhaber, mit dem ich mich unterhalte, charakterisiert Dublins kommerzielles Zentrum als „derzeit tot“. Räumt aber ein, dass hier am Wochenende die Hölle los sei … spätestens dann, wenn wieder losgelassene Shopper und protestierende Covid-19-„Skeptiker“ aufeinander treffen, die Knüppelgarde der Garda dazwischen, Dublin 2021 auch ohne veganen Burgerbrater, AfD und Mannheimer Mitleidsbarden. Naja, besorgte Bürger, rechtsextreme Spinner und Van Morrison haben wir selbst, passt schon.

Womit ich darauf komme, was uns fehlt. Oder, besser gesagt: Was fehlt Dublin, um dem Ruf als „vibrierende, bunte, aufregende Stadt“ wieder gerecht zu werden? Ganz einfache Antwort: Besucher!

Ja, wirklich, auch wenn ich sonst oft die Horden hasse, die Dublin eigentlich ganzjährig überrennen und vereinnehmen, diesem „Dublin pur“ fehlen sie. Denn ohne die laut vor sich hinplappernden und überall im Weg stehenden Gruppen von Sprachschülern vor allem aus Südeuropa und Lateinamerika, ohne die in traditioneller, greller Golfkleidung aus Polyester umherziehenden Banden von „Plastic Paddies“ aus Nordamerika, ohne die Hipster und Studienräte mit Bloom-, Böll- und Bonofimmel aus Mitteleuropa vor den „echt urigen“ Kneipen, ohne die Busladungen Kreuzfahrttouristen auf Schnelltour, ohne die emsig von Studium zu Nebenjob eilenden Asiaten, ohne die staunend den „Big Smoke“ bestaunenden Provinzler … ohne all diese Leute, die in Dublin nicht heimisch sind, fühlt man sich in Dublin gar nicht mehr heimisch. Zugegeben, man kommt jetzt wesentlich schneller von A nach B. Aber Dublins Innenstadt auf ihre Einwohner und Angestellten reduziert, das ist schon traurig. Und eine weitgehend langweilige Monokultur.

Doch es gibt auch Positives zu berichten. Etwa vom Trinity College. Dessen hölzerne Haupteingangstür verschlossen ist. Ebenso wie das eiserne Tor davor. Doch dazwischen, wo sonst das technische Personal der Universität den Rasen auf derselben Höhe wie den Haarschnitt eines US-Marineinfanteristen hält …

Und so wünsche ich mir, dass Dublin am Ende der Pandemie (und das haben wir noch lange nicht erreicht) sich vielleicht einmal besinnt, in Teilen neu erfindet, und auch insgesamt lebenswerter, lebensbejahender wird. So, wie die Wildblumen vor dem Trinity College blühen, so kann die Stadt sich selbst wiederbeleben, indem sie endlich einmal die ausgetretenen Wege verlässt. Nicht weiter auf die touristischen Geldbeutel baut, sondern die Übel der Innenstadt an der Graswurzel packt, ein Leben in Dublin wieder bezahlbar und vor allem attraktiv macht, Initiative für eine belebte und bewohnte Innenstadt ergreift, statt weiterhin allein dem Mammon zu frönen und dabei die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zu vergessen.

Dublin als Touristenmagnet? Problematisch, aus vielerlei Gründen. Aber Dublin ohne Touristen, ohne Besucher, ist noch problematischer, scheint fast dem Verfall anheim gegeben. Das zeigen die derzeitigen Zustände, wenn man nur die Zeichen erkennt und auch interpretieren kann.

Im Moment verstehe ich jeden hier gelandeten Besucher, der das Dublin der Pandemie-Periode wahrnimmt, und wie ich im Dublin der sehr frühen 1980er dann die Kurzzusammenfassung seiner Eindrücke wie folgt abliefert: „Apart from a few, fairly parochial museums, and some nice buildings … Dublin is a kip!“