Die Legende vom hungrigen Gras

Gras macht hungrig … diese alte Stoner-Weisheit hat aber nichts mit der irischen Legende vom „hungrigen Gras“ zu tun. Denn die besagt schlicht und einfach, dass ein kleiner Fehltritt in Mutter Natur schon dramatische Folgen haben kann. Nicht etwa der neue Schuh im frischen Kuhfladen, sondern Magenknurren nach einem Schritt auf falschem Grün. Und Schuld sind die Engländer. Oder so.

Hungriges Gras, auf Englisch „hungry grass“ und auf Irisch „féar gortach“ genannt, ist ein beliebtes Element des irischen Volksglaubens. Die Legende in ihrer einfachsten Form:

Man geht fröhlich durch Wald und Flur, tritt nichtsahnend auf einen der überall lauernden (und nicht erkennbaren) Flecken dieses besonderen Grases, und plötzlich geht es gesundheitlich bergab. Und zwar meist rapide – eben noch der lustig pfeifende Wandersmann, jetzt schon bei Hungergefühl zittrig, schwächlich, taumelnd, in der Wahrnehmung getrübt. Das kann böse enden. Und ist die direkte Folge eines Kontaktes eben mit dem hungrigen Gras, das einem gewissermaßen das Leben aussaugt.

Wo kommt das hungrige Gras her? Da scheiden sich die Geister, in einigen Geschichten haben es schlicht böswillige Elfen gepflanzt. Meistens hört man jedoch die Begründung, dass das gewalttätige Grün auf (oder zumindest bei) dem Grab eines ohne letzte Ölung und andere kirchliche Riten verstorbenen Menschen wächst. Und wegen der Hunger-Verbindung kommt dann schnell die Erklärung auf, dass es sich dabei um das Grab eines der vielen Opfer der großen Hungersnot in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handle … und so sind dann, wie immer, letztlich die Engländer daran Schuld, wenn einem anno 2020 plötzlich der Magen knurrt wie der Nachbarshund beim Versuch des Knochenklaus.

Gott sei Dank hat der Volksglauben aber gleich die korrekte Kur parat – und statt der üblichen drei Ave Maria und vier Vaterunser wird es tatsächlich handfest. Hat man nämlich wohlweislich einen Kanten Brot mit auf die Wanderschaft genommen, und beißt nach zu engem Kontakt mit dem hungrigen Gras herzhaft hinein, dann legen sich die Symptome, ist der Fluch im Handumdrehen aufgehoben.

falscher tritt in das hungrige gras in irland

Tja, und nun bin ich doch dieser Tage, auf meiner Runde durch die Nachbarschaft, selbst wohl voll ins hungrige Gras getreten. Wankte plötzlich. Fühlte mich nicht wohl. Und konnte den Fluch nur durch eine leicht adaptierte Version der bewährten Kur lösen. Ist die Legende also Wahrheit?

Ja, sie ist … und ist es dann doch nicht. Denn statt ins hungrige Gras hätte ich ebenso gut auf das gefräßige Pflaster oder in den mystischen Schafsköttel latschen können. Einen äußeren Einfluss braucht es nämlich nicht, und die Erklärung liegt in einem selbst.

Denn ich war nicht etwa magisch schwächlich geworden, sondern rein medizinisch einem Irrtum zum Opfer gefallen. Nämlich dem, dass mein Mittagessen mir genug Energie zugeführt hatte. Was nicht er Fall war, denn dem rein vegetarischen Mahl mangelte es weder an Geschmack noch an gesunden Zutaten, sondern schlicht an Kohlehydraten. Resultat war ein Blutzucker von weniger als 3,9 mmol/L (70 mg/dL), und das bedeutet bei Diabetikern schon beginnende Unterzuckerung, Hypoglykämie. Hervorgerufen auch durch allzu gut funktionierende Medikamente.

Und was sind die Symptome der Hypoglykämie? Um Wikipedia zu zitieren: „Heißhunger, Übelkeit, Erbrechen und Schwäche bzw. Asthenie (parasympathische Reaktionen), Nervosität und Unruhe, Schwitzen, Tachykardie, Zittern, Mydriasis und Bluthochdruck (sympathische Reaktionen) sowie Symptome, die auf eine Beeinflussung des Zentralnervensystems durch die Hypoglykämie zurückgeführt werden, wie Kopfschmerz, Verstimmung, Persönlichkeitsveränderungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche, Verlangsamung, Verwirrtheit, Angst, (muskuläre) Koordinationsstörungen, primitive Automatismen (beispielsweise Grimassieren, Greifen und Schmatzen) sowie fokale Zeichen (beispielsweise Doppelbilder und andere Sehstörungen, Krampfanfälle, halbseitige Lähmungen, Sprachstörungen und Schläfrigkeit)“. Kurzfassung: Bei Hungergefühl zittrig, schwächlich, taumelnd, in der Wahrnehmung getrübt, wie eben das Opfer des hungrigen Grases.

Und schon löst sich die Legende in Luft auf … das hungrige Gras ist schlicht eine Hilfskonstruktion, um die Unterzuckerung eines Betroffenen zu erklären.

Was sich auch bei der Gegenmaßnahme beweist – der Brotkanten ist nichts anderes, als was Wikipedia empfiehlt: „Durch Zuführung von Kohlenhydraten (insbesondere Traubenzucker) kann eine akute Hypoglykämie kurzfristig beendet werden. Dies kann bei einem Patienten, der bei Bewusstsein ist, bei leichter Hypoglykämie durch Gabe von 10 bis 20 Gramm Traubenzucker, zuckerhaltigen Getränken (1 Glas Apfel- oder Orangensaft oder Cola), gefolgt von langsam resorbierbaren Kohlenhydraten (etwa 1 bis 2 KE Brot) oder entsprechender Nahrung geschehen.“

In meinem Fall war es eine kleine Portion Traubenzucker, die mich binnen kürzester Zeit wieder auf die Beine brachte. Und den Restweg nach Hause problemlos bewältigen ließ. Wo eine Messung dann gerade einmal 4,4 mmol/L ergab … also ran an das frische Brot vom polnischen Bäcker. Ist ja auch lecker.

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