Die Fungie-Farce von Dingle

Ist Fungie nur auf Abwegen oder schläft er jetzt wirklich bei den Fischen? Das Schicksal des quasi domestizierten Meeressäugers von Dingle schlägt Wellen, während die irische Menschheit von der zweiten Welle der Pandemie überrollt wird. Selbst mir, der ich bei jedem überfahrenen Fuchs oder Dachs seufze, geht das Theater um den Delphin leider etwas am Achtersteven vorbei. Ein „Ich hab es ja gesagt!“-Moment …

So hatte man ihm schon zu Lebzeiten in Dingles Hafen ein Denkmal gesetzt: Fungie, Freund aller Kinder, jeder kennt ihn, den zahmen Delphin … oder so. Seit einigen Tagen aber herrscht Krisenstimmung in Kerry. Nicht, weil Covid-19 de facto außer Kontrolle ist, sondern weil der Ort die Kontrolle über sein Aushängeschild verloren hat. Denn Fungie ist es, der die Touristen anzieht und eine ganze Industrie ins Leben gerufen hat. Die nun brachliegt, denn ohne ein Lebenszeichen von unser aller Lieblings-Delphin sieht es mau aus für die bislang sicher wie eine Schweizer Bank geglaubte Einnahmequelle. Sollte 2021 ohne Covid-19 wieder die Touristen auf die Insel bringen, dürfte es in Dingle ohne Fungie trotzdem etwas ruhiger zugehen. Was mancher Mensch sogar begrüssen mag.

Und da ist der Moment, wo ich zum Zuge komme. Mit dem Spruch: „Ich habe das doch immer gesagt …!“

Dingles Delphin-Monokultur war in etwa die New-Age-Version der irischen Kartoffelwirtschaft so um 1845 – alles basierend auf einem einzigen Produkt, dessen ewiges Fortbestehen man nie in Zweifel zog. Der Titel einer Facebook-Seite „Fungie Forever“ etwa sagt schon mehr, als man als rationaler Mensch verkraften kann. Denn ein Delphin ist nicht für ewig, lebt im Durchschnitt (und mit Glück) etwa halb so lang wie ein Mensch, und der Außenbordkamerad in Kerry hat eigentlich seit seinem ersten Auftauchen in den frühen 1980ern diese Lebensspanne schon gut ausgenutzt. Um es ganz nüchtern zu sagen: Abgesehen von Horrorszenarien wie Unfall, Mord oder Suizid ist es durchaus eine der nächstliegendsten Erklärungen für Fungies Fortbleiben … dass er schlicht an einem Organversagen, also am Alter, gestorben ist. Wenn ihn nicht die Einsicht gepackt hat, dass Menschen doch ziemlich doof sind, und er seinen Lebensabend mit Artgenossen verbringen möchte.

„Aber er war doch so gesund und munter“ – Schwätzerei, niemand weiß, was in einem Wildtier vor sich geht, selbst einem auf Schoßhundniveau abgestiegenen, denn unter Aufsicht von Veterinären war der Delphin ja nun nicht.

Klar, auch mir würde es um Fungie leid tun – mir tat es ja auch leid um den Artgenossen, der mal vor meinen Füssen in auf Achill angespült wurde. Siehe oben. Aber ich bin auch Realist, und um House zu zitieren: „Everybody dies!“ Irgendwann musste (oder muss, derzeit reden wir ja noch von einem „nur“ vermissten Delphin) Fungies Uhr ablaufen und er in die ewigen Fischereigründe abtauchen. Unseren jetzt mehr als 15 Jahre alten Kater schaue ich in seinen Ruhephasen auch gelegentlich mit dem Gedanken „Atmet der noch?“ an. Er mich auch, keine Sorge.

Was mich zu sarkastischen Kommentaren hinreißt ist allenfalls die Fungie-Industrie, die jetzt jäh aus ihrem Wolkenkuckucksheim auf den harten Boden der Realität stürzt, und das auch noch passend zum heute Nacht beginnenden Lockdown 2.0. Haben die angeblich 100 direkt von Fungie abhängigen Selbständigen und Arbeitnehmer denn wirklich geglaubt, dass dies eine Sause ohne Ende sei? Was ist ihr Plan B? Rundfahrten im Hafen von Dingle ohne Delphinfaktor sind ja nun wirklich in der Attraktivitätsskala leicht hinter Segeln auf dem Feuerlöschteich von Quickborn. Vielleicht versucht man nur noch verzweifelt, den (einen?) Kadaver zu bergen, um dann mit der Einbalsamierung zu beginnen. Ein Mausoleum ähnlich denen auf dem Roten Platz oder dem des Himmlischen Friedens, das wäre es doch …

Nein, nein – wenn Fungie verschwunden bleibt, kann man sich entweder mit der Mär vom neu gefundenen Anschluss an eine wilde Gruppe trösten, oder seinen Tod als letztlich unausweichliches Faktum ansehen.

Wovor mir mehr graut, das sind dann die nächsten Meldungen vom Westrand der Insel … nämlich wahrscheinlich, dass die Regierung jetzt handeln muss, und dass man hundert Arbeitsplätze sowie den Tourismus in der Region mit Subventionen und so weiter durchschleppen muss. Denn wer hätte denn schon ahnen können, dass die Fungie-Industrie ohne Fungie als Havarie abgeschrieben werden kann?

Ich hab es ja schon immer gesagt!

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