Auf dem Weg der Lockerung

Mit etwas Erstaunen nehme ich in den letzten Wochen wahr, wie sich Leute vom mündigen zum Wutbürger entwickeln, und alles angesichts Covid-19. Da wird die Existenz der Erkrankung schlicht geleugnet, oder sie wird als Auswirkung chinesischer Bio-Experimente oder von Bill Gates‘ Philanthropie oder gar des 5G-Netzes angesehen, und jede rational begründete Gegenmaßnahme wird mit Verweis auf Grundgesetz und/oder Verfassung angezweifelt oder -griffen. Mit interessanten Zirkelschlüssen – die Ausgangsbeschränkungen zur Verringerung der Infektionsrate waren nach dieser Logik nicht notwendig, da sich ja nach ihrer Einführung gezeigt hat, dass die Infektionsrate sank. Alles nur eine normale Grippe. Und für mich immer wieder der Anlass zur Frage, ob diese Leute zu lange an Klebstoff geschnüffelt haben.

Ja, ich weiß, ich bin wahrscheinlich auch nur eines von den Schlafschafen, mit denen die Bilderberger, die Illuminati, Gates und natürlich Merkel alles machen können. Und nur Attila, Ken und Xavier haben die Wahrheit erkannt. Ich will mich da auch auf gar keine Diskussion einlassen. Nur so viel: Lehnt sich einer der drei genannten gegen eine Wand, wird diese wahrscheinlich einstürzen – der Klügere gibt schließlich nach.

Was mich zum eigentlichen Thema bringt: Meine Lage, und die der Nation (in diesem Fall Irland, immer noch ohne gewählte Regierung, aber die drei am ehesten sinnvollen Parteien basteln daran). Ab heute wird gelockert. Ein wenig zumindest, denn etwa Heimwerkermärkte dürfen wieder öffnen (die Notaufnahmen freuen sich), und auch Arbeitgeber mit vollem „social distancing“ können ihre Angestellten wieder einbeordern. Auch ich selber darf es wieder etwas lockerer sehen, denn der notwendig gewordene Covid-19-Test kam negativ zurück. Was an sich ja positiv ist. Und mich doch an die Zeit in den frühen 1980ern erinnerte, als ich auf das Ergebnis eines AIDS-Testes wartete (wegen Tätigkeit im Rettungsdienst und Ärztlichen Notdienst, nicht wegen eines allzu hedonistischen Lebensstils, musste man damals extra betonen).

Und dabei bin ich nicht allein, beim Erinnern … der britische Historiker Niall Ferguson hat vor einigen Tagen bereits die Parallelen von Covid-19 und AIDS identifiziert. Kurz gesagt: In beiden Fällen handelt es sich um das Auftreten eines Virus, der verheerende Folgen zeigt, und gegen den kein Kraut gewachsen ist, keine Impfung aus dem Labor ins Haus steht. So dass man sich gerade in Zeiten der Lockerung fragen muss, als Staat wie auch als Individuum: Was nun? Oder, etwas ausformuliert: Im Moment sieht es nicht so aus, als könnten wie uns auf eine Zeit NACH Covid-19 einrichten, sondern dass wir uns MIT Covid-19 arrangieren müssen. Und das wird ein K(r)ampf.

Fangen wir mal beim offensichtlichsten Äußeren an – Abstand halten, Maske tragen.

Abgesehen von der Abnutzung der Stimmbänder, tut der vergrößerte Abstand zwischen Fremden wirklich weh? Ist es tatsächlich eine Belastung, wenn die Kassenbedienung hinter einer Plexiglasscheibe sitzt? Ist das Schlange stehen vor dem Supermarkt mehr als nur Zeitverlust? Und was ist das alles im Vergleich zur Abnutzung, zu den Schmerzen, zu der Belastung und dem Zeitverlust, eventuell final, einer Covid-19-Erkrankung? Ja, ich weiß, die Krankheit gibt es gar nicht … bitte erspart mir solche Binsenweisheiten aus dem Fundus des Volksmärchens.

Und die Maske, ist sie wirklich antidemokratisch, mit der Verschleierung der Muslima gleichzusetzen, das Hirn blockierend? So jedenfalls einige Kampfplakate der Maskengegner, die ich gerade sah. Und ich sage: „Unsinn!“ Die Maske, brauchen wir nicht zu diskutieren, ist vielleicht nicht zu 100% sicher, aber das ist der Sicherheitsgurt im Auto samt Airbag(s) auch nicht. Aber sie ist im Moment das probateste und vor allem einfachste Mittel, um eine extreme Ausbreitung des Virus zu verhindern. Selbst ein leichtes Tuch vor Mund und Nase hilft, es muss ja nicht gleich schwerer Atemschutz sein. Denn der Haupteffekt soll ja sein, die eigenen Tröpfchen beim Husten, Niesen, Reden nicht in die Welt zu verstreuen. Und klar fangen sich in der Maske auf Dauer die Bazillen … die der Träger ausatmet, was also kein Problem darstellt, wenn man nicht 24 Stunden mit dem Ding rumläuft. Zugegeben, komfortabel ist anders, aber das sind auch hochhackige Schuhe, Krawatten …

Und so gehe ich dann mit Maske auf Einkauf, im Laden nur, aber ich leiste mein Scherflein, hauptsächlich für die Sicherheit der anderen Menschen. So, wie wir jetzt auch schneller, gezielter einkaufen. Abstand halten. Uns schlicht vernunftbegabt geben. Wohlgemerkt ohne Maskenpflicht, in Irland ist das noch freiwillig.

Apropos freiwillig – sollte es eine Impfung gegen Covid-19 geben, ich bin sofort freiwillig dabei. Weil ich zu Risikogruppen gehöre. Und weil ich an die Chemie mehr glaube als an altgermanische Schamanen. Bevor jetzt wieder jemand mahnt, ich solle an die Schweinegrippe und die schlimmen Folgen der Impfung damals denken: Der Impfstoff Pandemrix hat, das weiß ich, Narkolepsie hervorrufen können. Die Zahlen dazu sind aber sehr interessant … 31.000.000 Dosen Pandemrix sind verabreicht worden, danach ist bei 161 Patienten erstmals Narkolepsie aufgetreten. Man mag sich die Prozentzahl selber errechnen … aber ich glaube, die Gefahr etwa eines Leberschadens nach Einnahme von Paracetamol ist höher.

Bleibt die Frage, wie es langfristig weitergehen soll?

Das steht in den Sternen. Aber ich sehe dort nicht unbedingt Friede, Freude und Eierkuchen auf uns niederregnen. Denn Covid-19 ist zwar identifiziert, aber nicht erledigt. Und das ist nun wieder mit HIV vergleichbar – denn es hat kein denkender Mensch nach Bekanntwerden des Virus, seiner katastrophalen Folgen, und der immer weiteren Ausweitung der Infektionsgefahr (man erinnere sich, am Anfang war es eine reine „Schwulenkrankheit“), also keiner mit auch nur einigen funktionierenden Hirnzellen hat weiter lustig ohne Gummi mit Fremden gepoppt. Oder auf andere Art Körperflüssigkeit ausgetauscht. Gut, das hat sich wieder nivelliert … das Vergessen und die heute fast exorbitant anmutende Zeit, die einige Menschen mit HIV leben, hat die (bewusste) Angst vor AIDS zurückgehen lassen. Der Anstieg an Geschlechtskrankheiten in Irland, unaufhaltsam, deutet auch auf einen Sparkurs beim Thema „Safer Sex“ hin.

Zurück zu Covid-19 – ich denke, wir werden noch einige Veränderungen sehen. Des individuellen Verhaltens, aber auch der Gesellschaft und ihrer Normen. Welche, das kann ich nicht sagen … aber mehr Abstand dürfte kurzfristig zumindest das neue Normal bleiben. Welche Konsequenzen sich daraus ergeben, ich mag es gar nicht andenken. Etwa im Flugverkehr: Wird man weiterhin 200 Menschen stundenlang in eine Röhre zwängen können, oder muss Abstand kommen, werden rund 70 Sitzplätze pro Flug wegfallen? Das könnte Reisen schnell verteuern, den Billigfliegern gar das Konzept unter den Füssen wegreißen. Und so weiter, und so fort – den Tourismus, ich sage es ganz ehrlich, sehe ich nicht nur 2020 unter Covid-19 leiden. Ebenso wie Gastronomie, Beherbergungsbetriebe der günstigen Art („Social distancing“ im billigen 24-Betten-Schlafsaal?), die Partyzonen. Wobei, am Ballermann 6 dürfte Covid-19 weniger Auswirkungen als in der Staatsoper haben, fallen die Hemmungen, schrumpft der Abstand unweigerlich. Mit den Wirten als Regulativ kann man wohl nicht rechnen – oder wie war das noch gleich beim Apres Ski in Ischgl?

So sehe ich der Zukunft schon mit ein wenig Wehmut entgegen, selbst ein an sich so introvertierter Mensch wie ich wird sich umstellen (müssen). Oder, die Alternative, wir leugnen alle gemeinsam die Gefahr und laden nochmal das Orchester der „Titanic“ auf die Bühne.

Und damit will ich dann auch musikalisch-medizinisch schließen, mir Hugh Laurie und Lisa Edelstein alias Gregory House und Lisa Cuddy. Auf das wir irgendwann wieder glücklich werden. Jede/r so, wie sie/er kann … aber gesund in Körper und Geist. Und wenn es mit Maske und Abstand sein muss, dann soll es eben so sein.

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