Alterserscheinungen

Keine Sorge, ich werde jetzt nicht über die Zipperlein eines fast Sechzigjährigen stöhnen (obwohl mich diese Verkalkung im Schulterbereich heute wieder sehr plagt) … nein … ein Indianer kennt ja keinen Schmerz. Aber dennoch, selbst Winnetou ritt irgendwann dem Greisenalter entgegen. Und fiel dann tot vom Pferd. Oder so. Egal: Ich stelle an ganz anderen Dingen fest, dass ich wohl wirklich alt werde. Und es fasziniert mich. Weil ich damit nicht allein bin.

Da sitze ich also im Sonnenschein auf dem Hinterhof und lausche dem Radio … ja, Kinder, Radio … nix „Playlist“, sondern der ultimative Zufallsgenerator des musikalischen Lebens, dessen Beiträge nicht durch Werbeeinblendungen brutal zerrissen werden, sondern mit informativen Dingen („Nachrichten“) gespickt sind. Old School, voll krass. Und nachdem ein WiFi-Extender nun auch die App im Nahbereich laufen lässt, läuft eben über DE Radio (eine sehr nette App) der NDR.

Wie schon Truck Stop sangen … „Der NDR bringt Tanzmusik, ich krieg‘ nichts andres rein.“ Bis 1981 war es allenfalls NDR2, den ich hörte, die anderen Kanäle waren für „alte Leute“. NDR1 etwa spielt Musik für meine Mutter. Gruselig. Dann lieber in miserabler Qualität BFBS, oder gleich AFN auf Mittelwelle, oder eben die Piratensender in der Nordsee. Und heute? Ich lasse NDR1 Welle Nord laufen. Weil, der ehemalige Altensender bringt nunmal genau die Musik, die ich mag. Die haben sich echt gewandelt. Und so swinge ich dann zu Hot Chocolate, leide mit Cock Robin mit, und werde dann daran erinnert, dass Sophie B. Hawkins‘ Herzenswunsch schon ohne Video mehr Erotik ausstrahlte, als es heutige Hupfdohlen in knapper Kleidung mit anzüglichen Texten jemals schaffen werden. Irgendwann wird mir bewusst, dass sich NDR1 eigentlich gar nicht verändert hat. Die spielen immer noch Musik, die zwischen zwei und vier Jahrzehnten auf dem Buckel hat. Nicht der ehemalige „Altensender“ hat sich verändert.

Ich werde alt …

Naja, darauf einen Kaffee (seit frühem Teenager-Dasein meine Droge der Wahl). Und was zum Naschen. Oh, da sind ja noch Ingwerplätzchen. Nun ist das für mich nicht nur das Lieblingsgebäck weiblicher Ed-Sheeran-Fans (… they really like ginger nuts …), sondern wirklich eine würzige Leckerei. Zudem saubillig und, die Diabetes dankt, im Gegensatz zu anderen Keksen recht neutral im Blutzucker. Und während ich so vor mir hinnibbel, im Radio läuft gerade Udo (Lindenberg, nicht Jürgens, ich bin ja nicht pervers), da stelle ich fest … äh, ja … früher mochte ich keinen Ingwer. Das war nichts für mich. Und überhaupt, Ingwer in Leckerlis war doch allein Sache meines Vaters, und alter Leute überhaupt.

Ich werde alt …

Und mit dieser Erkenntnis werkel ich dann weiter vor mir hin, mit Musikbegleitung von damals, Erinnerungsfetzen hochspülend … etwa ein Song, den wir damals an der Lohmühle gerne hörten. Assoziation danach, dass Roy nun auch bald auf Rente gehen müsste, ja nicht einmal Maren mehr der quirlige Teenie ist, und was wurde eigentlich aus … wie hieß der noch … egal. Die Sonne neigt sich dem Horizont zu, der Abend naht, das Werkzeug weg, ein paar Schnitten und dann ein kleines Gedeck. Bier und ein Korn. Biertrinker bin ich ja nun seit weit über 40 Jahren, aber Korn, Klarer, Schnaps – das war doch eher was für Opa. Der haute sich immer einen Hardenberger zum Astra hinter die Binde. Reichlich … „highly functional alcoholic“ würden Fachkreise heute sagen. Aber unbenommen. Ich mag mittlerweile einen Klaren. Nicht zum Erhalt des Pegels, sondern wirklich vom Geschmack her, und von der den Magen aussortierenden Art nach einem guten Mahl. Früher hätte man mich damit jagen können.

Ich werde alt …

Naja, wenigstens bin ich noch nicht als der merkwürdige Senior bekannt (eher als „de grumpy German“). Und so stehe ich dann beim Lidl an der Kasse, sehe das durchaus interessante Armband der litauischen Kassiererin. Die junge Frau (wahrscheinlich Anfang 30, ich kann immer schlechter schätzen, wirken alle so jung auf mich) bestätigt, dass es echter Bernstein sei. Will mir gerade erklären, dass … ich nicke nur, erwähne meine relative Nähe zum Ostseestrand in der Jugend, meine Basiskenntnisse in Sachen Bernstein. Dann wird sie nachdenklich. „Wissen Sie,“ sagt sie, „das Armband habe ich zum letzten Geburtstag bekommen, und ich mag es wirklich … aber früher, früher war sowas Schmuck, den nur meine Mutter trug, Schmuck für alte Leute.“

Wir werden alle alt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.