Allzeit bereit?

24/7 ist heute der Goldstandard – immer offen, immer bereit, immer wach, immer alles. Ein Status, den ich früher allenfalls aus dem Rettungsdienst und Ärztlichen Notdienst kannte, da war er ja auch notwendig. Und heute ein Status, dem wir uns freiwillig unterwerfen, ja, versklaven gar, ohne Not. Was ich aber nicht will …

Social Media macht‘s möglich, hurra, wir lassen uns den letzten freien Gedanken rauben, während wir dem modernen Multitasking frönen und möglichst drei Netzangebote gleichzeitig und parallel zu anderen Arbeiten laufen lassen. Wir hetzen dem „Like“ hinterher, während die freundlichen Herrschaften in den Rechenzentren von Facegooinstatwitin mit unserer Aufmerksamkeit und unseren geteilten Interessen oder Vorlieben, unseren ganz persönlichen Daten gar, hausieren gehen.

Vorgeblich unser „Erlebnis“ noch besser machen. In Wirklichkeit aber unsere Sucht nach zumindest virtueller Anerkennung, oder nach einem virtuellen Heldendasein, füttern. Oder aber schlicht dafür sorgen, wie manch Zyniker bei FaceApp vermutet, dass Putin sich ins knallharte Fäustchen lacht.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Ich liebe das Internet, nie war es für einen schreibenden Menschen so einfach, Basis-Recherche zu betreiben. Eine Telefonnummer an der Elfenbeinküste? Kein Problem, Google hat sie binnen Sekundenbruchteilen. Welch ein Unterschied zur Steinzeit. Also vor etwas mehr als zwanzig Jahren, als ich weltweit Adressen und Informationen recherchieren musste, mich auf Adress- und Telefonbücher, Nachschlagewerke und die Hilfe mancher Botschaft verlassen musste (wobei Südafrika und China an Hilfsbereitschaft nicht zu überbieten waren). Also, summa summarum, das Internet als Werkzeug will ich nicht missen.

Aber das Internet als Knute der ewigen Präsenz?

Als ich noch bei About.com (†) war, wurden eines Tages alle Redakteure verdonnert, ihre eigene „Marke“ aufzubauen. Und dazu auch die damaligen SM-Spitzenreiter zu nutzen. SM wie Social Media, nicht Sadomaso, obwohl es irgendwann für mich austauschbar wurde. Also nicht nur Artikel schreiben und im eingebetteten Blog bewerben, sondern selber auf Facebook, Twitter, Pinterest und Google+ vermarkten. Google+? Ja, Kinder, das war damals so ein Ding wie Facebook … und ironischerweise das einzige der genannten Mindestforderungs-Medien, das echte Wirkung im Ranking zeigte. Las zwar keine Sau, aber Google fand jedes Posting belohnenswert.

Übrigens, schon bevor TripSavvy (in welche Präsenz About.com mutierte) auf meine Dienste verzichtete, war meine SM-Präsenz eher schleichend, zumal sich voll reinknieende KollegInnen auch keine besseren Ergebnisse erzielten. Den thematischen, eingebetteten Blog hatte man trotz insgesamt besserer „Performance“ dagegen ersatzlos eingestampft. Vorsicht, SEO-Experten bei der Arbeit!

Was ist geblieben? Nur noch Facebook, und das eigentlich auch mehr als Privatschiene. Weil, es gibt ja doch einige Leute, die einem (manchmal trotz aller Grantigkeit, Ecken und Kanten) ans Herz gewachsen sind. Irgendwie. Selbst wenn man die meisten dieser „Freunde“ (so der offizielle Facebook-Jargon auf der ersten Ebene) eher als „Bekannte“ (so die fast versteckte Facebook-Differenzierung) einstufen mag. Aber ich würde sie und ihre oft interessanten Beiträge missen.

Aber zum Thema zurück, 24/7 und so weiter – ich habe mich irgendwann entschieden, dem Diktat 24/7 schlicht nicht mehr zu folgen, meiner „Marke“ nicht hinterher zu rennen, Diese Zeit für produktive Arbeit oder Erholung zu nutzen.

Manch Bekannter hatte es schon bemerkt, dass ich am Wochenende seit Monaten auf Facebook nicht mehr wirklich präsent bin. Ein Teil der mentalen Hygiene, sozusagen, weg vom Schreibtisch, Konzentration auf andere Dinge, den Kopf auch mal freimachen. Das Resultat? Ich hatte am Wochenende subjektiv mehr Zeit, und am Montagmorgen sah ich die ganzen FB-Nachrichten immer noch. Von denen ich dann rund die Hälfte als „gelesen“ ungelesen wegdrückte. Weil, nicht alles muss man wirklich lesen.

Indirektes Resultat? Da der Laptop kalt blieb, teilweise nicht einmal das WiFi lief, konnte ich auch mehr lesen und meinen Blutdruck Dank ausbleibender Nachrichtenflut in annehmbaren Grenzen sehen. Ob nun Flüchtlingskrise auf Lesbos, Trumps neueste Debilitäten, Covid-19, Gretas Weisheiten … sie alle halten auch bis Montag, haben sich über das Wochenende teilweise selbst erledigt. Ich bin vom hemmungslosen Newsjunkie zum zeitweisen Abstinenzler geworden, ohne wirklich etwas zu vermissen.

Back to the roots, zumindest am Wochenende … Nachrichten nur kurz am Abend, Bespassung durch Lektüre, Handwerkliches, Flanieren, Schauen, Nachdenken, nur offline muss es sein. Und online auch unter der Woche vor allem zur Arbeit. Gut, von einem gewissen Streaming-Dienst einmal abgesehen … gebe ich ja zu.

Und der Blog? Macht sich so doch ganz gut, denke ich … ein wenig Beruf, ein wenig Privates, ohne Zwang und Zeitplan. Ich bin zufrieden. Und für den Leser 24/7 präsent, nur nicht in Art eines Call-Centre-Agent für den Kunden, sondern eben wie ein alter Schmöker im Bücherregal. Allzeit bereit, wenn der geneigte Leser es will.

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